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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Gauland/AfD: Schleichendes Gift Von Christian Kucznierz

Regensburg (ots)

Manche Dinge sind wie ein schlechter Geruch. Man weiß nicht, woher er kommt, aber er steht im Raum und lässt sich nicht so leicht entfernen. So ähnlich ist das auch mit vielem, was von den Spitzenvertretern der AfD kommt. Frauke Petry hat im übertragenen Sinne so einen üblen Geruch hinterlassen, als sie über den Schießbefehl auf Flüchtlinge an deutschen Grenzen faselte. Parteivize Alexander Gaulands verbale Entgleisung über Jérôme Boateng ist erneut so eine Hinterlassenschaft. Sie hat Methode. Wobei es fast schon egal ist, was Petry, Gauland und Co. an Unsinn von sich geben - was nicht heißt, dass das Schießen auf Flüchtlinge oder die Behauptung, die Leute wollten keine Menschen anderer Hautfarbe in der Nachbarschaft, akzeptabel wären: Es geht um das Wirken der Worte und die Reaktion darauf. Die AfD weiß um die Empörung, die fast standardmäßig auf ihre Aussagen in Interviews folgt. Dabei geht es ihren Vertretern gar nicht so sehr um den Wahrheitsgehalt oder die Rechtmäßigkeit des Gesagten. Der Waffengebrauch an der Grenze zielt auf Menschen, die aus Deutschland fliehen wollen, und die Behauptung, die Leute wollten keinen wie Boateng in ihrer Nähe, geht davon aus, dass diese Aussage eine Allgemeingültigkeit hat. Allein: Woher nimmt Herr Gauland sein Wissen? Was ist seine statistische Größe? Und: Wer sind die, die nicht neben dem Fußballer leben möchten, und für wen steht Boateng? Für "die Deutschen" und "die Nichtdeutschen". Definiert von Herrn Gauland und seiner Alternative für Deutschland. Man kann erahnen, was für eine Alternative er meint. Wobei er diese Antwort schuldig bleibt. Dafür gibt er eine andere. Er will missverstanden worden sein von den Journalisten, die allerdings belegen können, dass die Worte so gefallen sind. Das klingt vertraut? Ist es auch. Petrys Schießbefehl sei auch nicht so gesagt worden, wie er in einem Interview zitiert wurde. Wer das Alltagsleid mit Politikern in Interviews kennt, weiß, dass selten ein wörtliches Zitat veröffentlicht wird, das nicht abgestimmt ist. Wichtiger in dieser Argumentation aber ist, dass, nachdem die mediale Berichterstattung sich an der verbalen Entgleisung abgearbeitet hat, sich der Urheber davon distanziert. Schuld ist dann: die "Lügenpresse". Und man selbst: das Opfer einer Kampagne. So einfach geht Manipulation der Öffentlichkeit. Genau das ist, was die AfD so gefährlich macht: Sie manipuliert. Jérôme Boateng ist Nationalspieler, deutscher Staatsbürger, Star vieler Fußballbegeisterter, unter ihnen auch Kinder und Jugendliche. "So einem" wird nun unterstellt, Böses im Schilde zu führen - "natürlich nicht dem Boateng, sondern solchen wie ihm. Sowas wird man ja noch einmal sagen dürfen", ist dann häufig der Zusatz. "So ganz unrecht hat er ja nicht, der Herr Gauland", heißt es dann, "das an Silvester sind ja auch Afrikaner gewesen, oder?" Es braucht nicht viel Fantasie, um sich diese hypothetischen Aussagen in echten Gesprächen vorzustellen. Und es sind genau diese Zweifel, die Populisten wie die AfD-Strategen bewusst schüren wollen. Wer glaubt, es gäbe einfache Konzepte gegen eine Partei wie die AfD, sollte sich genau überlegen, was er sagt. Der Versuch, sie wegzudrücken, ist zum Scheitern verurteilt, ebenso wie der, sie zu ignorieren. Die AfD hat die Parlamente erobert. Sie wird ihren Siegeszug noch eine Weile fortsetzen. Es ist Aufgabe aller, genau hinzusehen und hinzuhören, was sie sagt und fordert - und zu überlegen, ob jede Provokation eine Meldung in den Nachrichten wert ist oder nicht einfach als Manipulationsversuch entlarvt werden sollte. Nicht nur Pharmazeuten wissen: Die Dosis macht das Gift.

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