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Börsen-Zeitung: Immer weiter nach unten, Marktkommentar zu den Anleiherenditen von Kai Johannsen

Frankfurt (ots)

An den europäischen Rentenmärkten - allen voran bei den Bundesanleihen - geht es mit den Renditen immer weiter bergab. An manchen Tagen erreicht dieser Abstieg ein Tempo, dass einem fast schon schwindelig werden kann.

In der gerade abgelaufenen Woche wurden bei den Bundespapieren gleich zwei Meilensteine gesetzt. Zum einen wurde eine neue zehnjährige Bundesanleihe mit einem Zinskupon von 0,00 Prozent ausgestattet, so dass im Standardlaufzeitenband der Kapitalmarktpapiere von zwei bis zehn Jahren die Bundesschatzanweisungen (zwei Jahre), die Bundesobligationen (fünf Jahre) und somit nun auch die zehnjährigen Bundesanleihen allesamt einen Nullkupon haben. Die Analysten der Commerzbank sprechen in Anspielung auf die unverzinslichen Geldmarktpapiere des Bundes (Bubills) etwas scherzhaft von der "neuen zehnjährigen Bubill".

Zum anderen ging das Benchmarkpapier der Eurozone erstmals in einer Auktion zu einer negativen Rendite an die Anleger. Durchschnittlich zahlten die Anleger dem Bund eine Parkgebühr für die zehnjährige Geldanlage bei Vater Staat von 0,05 Prozent. Deutschland ist damit nach Japan der zweite G7-Staat, der eine zehnjährige Anleihe in einer Auktion zu einem negativen Satz an den Mann oder die Frau gebracht hat. Am Sekundärmarkt sind die Renditen schon sehr viel niedriger gewesen. Bis auf minus 0,20 Prozent ging es im Laufzeitensegment von zehn Jahren schon nach unten.

Bei den kürzeren Laufzeiten sind die Sätze noch sehr viel tiefer im roten Bereich. Die zweijährigen Bundestitel fielen am 24. Juni dieses Jahres schon bis auf minus 0,721 Prozent. So langsam kommt die eins vor dem Komma in diesem Laufzeitenbereich in greifbare Nähe. Wer das vor ein oder zwei Jahren prognostiziert hätte, wäre als inkompetent eingestuft worden. Aber auch am langen Ende der Kurve gibt es für die Anleger im wahrsten Sinne des Wortes nur noch wenig bis gar nichts zu holen. Wer sein Geld für 30 Jahre beim Bund anlegt, bekommt dafür aktuell noch knapp unter 0,5 Prozent. Dieser Satz ist noch positiv. Aber bei der Hälfte der Laufzeit, also bei 15-jährigen Bundesanleihen, sollte man sich beeilen, wenn man noch eine positive Rendite haben will. Am Freitag lag das Tief bei 0,072 Prozent.

Ein Blick zu den Nachbarn in der Schweiz zeigt, wo die Reise noch hingehen kann. Sie brachten in der abgelaufenen Woche einen Bond mit der Laufzeit 2058 erstmals zu einer negativen Rendite unter, und zwar zu minus 0,023 Prozent. Bei der Emission im Mai bekamen die Anleger noch um die 0,25 Prozent. Man sollte sich also darauf einstellen, dass die 30-jährigen Bundesanleihen noch weiter sinken und ihr Rekordtief vom 6. Juli dieses Jahres von 0,293 Prozent einstellen.

Hinter dem Renditeabstieg steht die Flucht in den sicheren Hafen Bund angesichts diverser Unsicherheitsfaktoren. Brexit-Sorgen, Konjunkturängste, Nervosität hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Bankensektors sind dabei nur einige Faktoren. Hinzu kommen geopolitische Risiken und nicht zuletzt die Käufe der Zentralbanken. Für die Europäische Zentralbank (EZB) wird es immer schwieriger zu kaufen. Denn sie hat sich zur Bedingung gemacht, Anleihen nur dann zu kaufen, wenn die Rendite nicht unterhalb des Einlagensatzes liegt, also nicht tiefer als minus 0,4 Prozent. Bei sieben bzw. acht Jahren - je nach "Tagesform", d.h. Schwankungsintensität - ist für die europäischen Währungshüter damit bei den Käufen Schluss. Die Notenbanker sind also geradezu dazu gezwungen, in die längeren Laufzeiten zu gehen. Das befördert die Renditen in diesen Laufzeitenbereichen dann noch weiter nach unten. Die Kurve rutscht immer weiter ins Minus ab.

Und demnächst bekommt der Markt einen weiteren Schub nach unten. Viele Marktteilnehmer hatten sich darauf eingestellt, dass die Bank of England (BoE) in der abgelaufenen Woche wegen der Gefahren für die Konjunktur des Landes, die aus dem Brexit resultieren, die Zinsen senkt. Das ist erst mal ausgeblieben, wird aber noch kommen. Die Notenbank hat durchblicken lassen, dass es im August so weit sein wird und dann der Schritt nach unten erfolgt.

Aber wird das reichen? Mitnichten! Mit 0,5 Prozent beim Schlüsselsatz hat die BoE ohnehin nicht viel Pulver zum Verschießen, bis auch sie im Minus angekommen ist. Zwei Schritte um 25 Basispunkte, dann ist die Nulllinie Realität. Auch hier sollte man also das Minus einkalkulieren und auch eine Ausweitung der Bondkäufe. Das hat Signalwirkung und treibt die Renditen in Europa weiter nach unten. Und mal ehrlich: Bis die ganze Tragweite des Brexit in wirtschaftlicher Hinsicht klar ist, vergeht noch eine lange Zeit. Und in dieser Unsicherheit steuern die Anleger weiter den sicheren Hafen Bund an.

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