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Mit „Digitalisierung durch die Hintertür“ den lokalen Handel stärken

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Pressemitteilung der Hochschule Bremerhaven vom 05. Februar 2024

Mit „Digitalisierung durch die Hintertür“ den lokalen Handel stärken

Hochschulprojekt „R3 Resilient, Regional, Retail“ erfolgreich abgeschlossen

Der regionale Einzelhandel steckt in einer Krise. Immer mehr Inhaber:innen müssen ihre Geschäfte aufgeben. Die Innenstädte sterben aus. Ein Grund: Kund:innen kaufen lieber bequem im Internet, statt im Laden um die Ecke. Im Projekt „R3 Resilient, Regional, Retail“ haben Forschende am Smart Mobility Institute der Hochschule Bremerhaven sich die Frage gestellt, wie der lokale Handel wettbewerbsfähiger gegenüber großen Onlineplattformen werden kann. Neben dem erfolgreichen Konzept der „Allgemeinläden“ haben sie ein Lastenheft entwickelt, das die Anforderungen an einen gemeinsamen Onlineshop konkretisiert. Schon innerhalb des nächsten Jahres könnte ein Prototyp entstehen – mithilfe engagierter Studierender. Das Projekt wurde gefördert aus den Förderfonds der Metropolregion Nordwest mit dem Förderschwerpunkt „Mobilität der Zukunft“ und unterstützt von der Erlebnis Bremerhaven GmbH.

Customer Experience als Erfolgsfaktor

Ein Erfolgsfaktor großer Anbieter wie Amazon ist das Einkaufserlebnis der Kund:innen, die sogenannte „Customer Experience“. Wer sich dort durch das Angebot klickt, findet inzwischen fast alles. Dieses Gesamtangebot ist sehr verlockend. Könnte der lokale Handel da überhaupt mithalten? Ja, meint Projektleiter Prof. Dr.-Ing. Benjamin Wagner vom Berg: „Auch im lokalen Handel finden wir vielfältige Warengruppen. Alle Einzelhandelsunternehmen einer Region können somit als ein großes Warenlager interpretiert werden. Dabei hat der lokale Handel aber einen entscheiden Vorteil gegenüber Onlineanbietern. Im Einzelhandel sind alle Waren bereits vor Ort und müssen nicht erst aus Lagern weltweit nach Deutschland transportiert werden. In Kooperation mit regionalen Logistikdienstleistern könnte eine kundenfreundliche ‚Same Day Delivery‘ realisiert werden. Diese wäre dann sogar weniger belastend für die Umwelt als Versorgungsfahrten, die die Kundinnen und Kunden selbst tätigen.“ Dass das funktionieren kann, wurde im Vorgängerprojekt „“NaCl – Nachhaltige Crowdlogistik“ Ende 2020 erfolgreich getestet. Die Auslieferung erfolgte klimafreundlich per elektromobilem Lastenrad.

In der Theorie klingt die Lösung für den Einzelhandel also recht einfach: Die Einzelhändler:innen könnten selbst Onlineshops eröffnen und ihre Waren dort anbieten. Eigene Webseiten zu gestalten, ist inzwischen auch mit wenigen Programmierkenntnissen und recht kostengünstig möglich. Doch die Skepsis ist groß, wie Prof. Wagner vom Berg weiß. Gemeinsam mit Projektmanager Richard Schulte hat er sich mit den Bedenken der Einzelhändler:innen beschäftigt: „Viele fragen sich, ob ein Onlineshop überhaupt einen positiven Effekt für sie hätte. Hinzu kommen die Kosten und die Zeit, die sie dafür investieren müssten. Da die Einzelhändler viel arbeiten und wenig Freizeit haben, erscheint ein eigener Onlineshop eher als Belastung und nicht als Chance“, so der Professor. Zielführend könnte eine gemeinsame Plattform sein, auf der verschiedene Händler:innen ihre Waren anbieten. Doch auch hier scheiterten bereits einige Versuche aufgrund mangelnder Nachfrage. „Wir haben es dabei mit einem klassischen Henne-Ei-Problem zu tun. Fehlt die Nachfrage durch die Kund:innen, so fehlt auch der Anreiz für den Einzelhandel, sich mit digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Aber ohne Onlineangebot suchen die Kund:innen gar nicht erst nach Alternativen zu Amazon“, sagt Prof. Wagner vom Berg.

Allgemeinläden verbinden lokalen und Onlinehandel

Den niedrigschwelligen Einstieg in die Onlinewelt ermöglichte ein Angebot, das eigentlich nur als Übergangslösung geplant war: der Allgemeinladen. Dabei stellten verschiedene regionale Händler:innen ihre Waren in einem gemeinsamen Schaufenster aus. Der Showroomeffekt, bei dem Kund:innen die Waren beim sonntäglichen Bummel zwar ausgestellt sehen, dann aber im Onlinehandel bestellen, sollte vermieden werden. Dass QR-Codes während der Coronapandemie ihr Comeback feiern konnten, erleichterte den Forschenden ihre Arbeit. „QR-Codes als Verbindungselement von Offline- und Onlinewelt sind mittlerweile im Alltag der breiten Masse angekommen. In Asien beispielsweise sind QR-Codes in vielen Bereichen wie auch dem Handel seit Jahren fest integriert.“, erklärt Richard Schulte. Die Forschenden haben die ausgestellten Waren mit Codes versehen, die dann bequem mit dem Handy eingescannt werden können. Auf diese Weise wurden potenzielle Kund:innen auf die Plattform mit der Produktpräsentation geführt und konnten Kontakt zu den Händler:innen aufnehmen. Verfügte das Geschäft bereits über einen Onlineshop, so konnte sogar direkt aus dem Schaufenster bestellt werden. „Allgemeinläden bieten einen Mehrwert und nutzen dafür etwas, das dem lokalen Handel vertraut ist: eine Fensterfläche. Für die Erstellung von QR-Codes haben wir eine technische Lösung entwickelt, die einfach anzuwenden ist. Wir haben es hier sozusagen mit Digitalisierung durch die Hintertür zu tun“, sagt Prof. Wagner vom Berg. Wichtig für den Erfolg eines Allgemeinladens sei jedoch eine ansprechende Gestaltung. Daher wurden die Schaufenster durch professionelle Ausstatterinnen und Künstlerinnen eingerichtet. „An zehn unterschiedlichen Standorten konnte der Pilot mit mehr als 100 beteiligten Unternehmen und elf assoziierten Institutionen umgesetzt werden. Dadurch ein hat sich mittlerweile ein wertvolles Netzwerk für die Forschung und Umsetzungsperspektive gebildet“, sagt Richard Schulte.

Studentisches Unternehmen möchte Onlineshop entwickeln

Eigentlich sollte im Projekt R3 nur ein Lastenheft entstehen, das die Grundlage für eine Webseite sein könnte. Darin sind alle Anforderungen an einen gemeinsamen Onlineshop festgehalten. Diese Seite auch zu entwickeln und zu betreiben, kann das inzwischen abgeschlossene Projekt nicht leisten. Sterben soll die Idee mit Projektende dennoch nicht. „Wir haben das Glück, mit Linus Krohn einen engagierten studentischen Mitarbeiter gefunden zu haben, der sich weiter mit der Entwicklung der Webseite beschäftigen möchte“, sagt Prof. Wagner vom Berg. Krohn studiert im 3. Semester Gründung, Innovation, Führung und hat als Hilfskraft im Projekt mitgearbeitet. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Eric Naeve und Lukas Seidel möchte er das im Studiengang gegründete Unternehmen nutzen, um kostengünstig eine Webseite zu entwickeln und zu betreiben. Demnächst möchten die drei Studenten eine Strategie entwickeln und mit der Akquise starten. Das Ziel: Innerhalb eines Jahres den Grundstein für einen ansprechenden und einfach zu nutzenden lokalen Onlineshop zu legen.

Ansprechpartner:

Prof. Dr.-Ing. Benjamin Wagner vom Berg

Professor für IuK-Technologien in der außerbetrieblichen Logistik/ Leitung Smart Mobility Institute

benjamin.wagnervomberg@hs-bremerhaven.de

Richard Schulte

Wissenschaftlich-technischer Mitarbeiter

rschulte@hs-bremerhaven.de

Mit Begeisterung studieren, lehren und forschen – dafür steht die Hochschule Bremerhaven. In mehr als 20 praxisnahen und innovativen Studiengängen profitieren die rund 3.000 Studierenden von der engen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und modernen Lehr- und Lernansätzen. Die zahlreichen Forschungsaktivitäten der „Hochschule am Meer“ wurden bereits vielfach ausgezeichnet und unterstützen nachhaltige Entwicklungen in der Region und darüber hinaus.

Pressekontakt:
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Nadine Metzler
An der Karlstadt 8
27568 Bremerhaven 
nmetzler@hs-bremerhaven.de 
presse@hs-bremerhaven.de
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