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"ES IST NIE ZU SPÄT" - Berufsabschluss nachholen lohnt sich

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Ein knappes Jahr lang hat die Frankfurter Niederlassung der Gebr. Heinemann SE & Co. KG 18 Beschäftigte im Alter zwischen 28 und 54 Jahren auf die IHK-Abschlussprüfung zum Kauffrau/Kaufmann im Einzelhandel vorbereitet. Das Unternehmen wollte mit dem Programm nach eigenen Angaben fachliche und menschliche Potentiale der eigenen Belegschaft erschließen. Vom großen Andrang waren die Verantwortlichen jedoch überrascht.

Wir wollten wissen, wie es ist, einen Berufsabschluss nachzuholen, wenn man schon lange nicht mehr die Schulbank gedrückt hat. Mit der frisch gebackenen Kauffrau im Einzelhandel Katrin Blackburn (KB) und ihrer Ausbildungsleiterin Nina May (NM) sprachen wir am Flughafen Frankfurt.

Frau Blackburn, Sie haben im Juni 2016 Ihr Zeugnis zur Kauffrau im Einzelhandel erhalten. Dürfen wir fragen, wie alt Sie sind?

KB: 38 Jahre.

NM: Die älteste Teilnehmerin am Programm war 54 Jahre.

Wie war Ihre persönliche Situation vor der Initiative?

KB: Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zur Kauffrau angefangen, diese aber nach ½ Jahr abgebrochen. Danach habe ich ohne Abschluss hier am Frankfurter Flughafen bei Heinemann begonnen zu arbeiten. Ich lernte meinen Mann kennen und als ich meinen Sohn bekam, blieb ich zu Hause. Nach 11 Jahren kam ich zurück zu Heinemann, hatte aber immer noch keinen Berufsabschluss.

Warum haben Sie sich für das Programm gemeldet? Was war Ihr Antrieb?

KB: So was in der Richtung wie Selbstbestätigung, vor allem auch vor dem eigenen Kind, das war mir wichtig.

Während der Ausbildung mussten Sie doch sicher oftmals jonglieren, um alles unter einen Hut zu bringen.

KB: Ja, die Familie, den Beruf und die zusätzliche Ausbildung zusammenzubringen, das war schon hart.

Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?

KB: Nein, nie! Ich hatte ja früher schon mal eine Berufsausbildung abgebrochen und sagte mir: Das passiert mir nicht noch mal. Ich gebe nie wieder auf.

Was haben Familie und Freunde gesagt? Haben Sie allen gleich von Ihrem Vorhaben erzählt?

KB: Der Familie habe ich natürlich sofort davon erzählt. Da hatte ich auch großen Rückhalt. Aber meinen Freunden und Bekannten habe ich bis zum Schluss nichts erzählt. Da wäre mir der Druck dann zu groß gewesen.

War das schwierig? Schließlich ist es doch vielleicht komisch, wenn man dann nicht mehr so viel Zeit für die Freunde hat, weil man im Hintergrund noch die Ausbildung macht.

KB: Mein Umfeld ist das von mir gewöhnt. Ich habe die letzten 5 Jahre ja im Schichtdienst gearbeitet. Probleme mit Terminen gehören da zum Alltag.

Wie war vor und während der Bildung der Rückhalt unter den Kollegen, die schon eine Ausbildung hatten? Gab es Neid?

KB: Das war sehr gut, alle haben mich bestärkt und geholfen. Es gab gar keinen Neid, aber viel Interesse. Auch von denen, die das Programm eigentlich vielleicht auch gerne mitgemacht hätten.

NM: Die Heinemann-Azubis haben in dem Programm eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben Lerneinheiten selber gestaltet, ihr Wissen weitergegeben und dadurch selber auch noch etwas dazu gelernt. Es war eine Win-Win-Situation für alle.

Fiel das Lernen schwer?

KB: Nein, eigentlich nicht! Es gab ja auch Themen mit praktischem Bezug zur Arbeit und durch das Anwenden konnte man sich vieles ganz gut einprägen.

NM: Frau Blackburn hat sich wirklich dahintergeklemmt. Sie war sehr motiviert, hat viele Fragen gestellt und auch als eine der Besten des Jahrganges die Ausbildung abgeschlossen.

Was haben Sie gelernt, was ist heute für Sie anders im Unternehmen?

KB: Ich habe heute viel mehr Wissen als vorher, ich kenne jetzt andere Bereiche, die Hintergründe und vor allem Gesetze. Dadurch wird man auch souveräner im Auftritt. Durch den fachlichen Zugewinn steigt einfach das Selbstbewusstsein. Und ich sehe viele Dinge heute auch aus unternehmerischer Sicht. Es ist ein Blick hinter die Kulissen.

Können Sie das Gefühl beschreiben, als Sie das Zeugnis in der Hand hielten?

KB: Das war ja nicht nur das Zeugnis, ich habe es schon vorher gewusst. Wichtig war der Tag, als wir vormittags in der IHK die Prüfung hatten und diese ausgewertet wurde. Die Ergebnisse kamen online und ich habe hier im Laden ständig danach geschaut. Ich war sehr aufgeregt. Als das Ergebnis dann kam, habe ich mich sehr gefreut, mir fiel ein Stein vom Herzen.

Was würden Sie anderen Menschen mitgeben, die irgendwo arbeiten und keine fertige Ausbildung haben?

KB: Vielleicht nur den einen wichtigen Satz: "Es ist nie zu spät."


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