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19.01.2019 – 15:27

BUND

"Der Agrarindustrie den Geldhahn abdrehen!": 35.000 fordern von Ministerin Klöckner eine EU-Agrarreform für Bauern, Tiere und Umwelt

Berlin (ots)

Eine zukunftsfähige Agrarreform - das fordern zehntausende Teilnehmer bei der "Wir haben es satt!"-Demonstration zum Auftakt der "Grünen Woche" in Berlin. "Lautstark, bunt und entschlossen haben wir heute mit 35.000 Menschen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen unmissverständlichen Auftrag gegeben: Schluss mit der falschen Agrarpolitik", erklärt "Wir haben es satt!"-Sprecherin Saskia Richartz im Namen der über 100 Organisationen, die zur Demonstration aufgerufen haben.

Das Demonstrationsbündnis fordert die Bundesregierung auf, den überfälligen Umbau der Landwirtschaft anzupacken. Die Gelegenheit ist da: Bei der aktuellen Reform der EU-Agrarpolitik (GAP) entscheidet die Bundesregierung maßgeblich mit, welche Landwirtschaft künftig durch Steuergelder finanziert wird. In Deutschland werden jedes Jahr 6,3 Milliarden Euro an EU-Agrargeldern ausgeschüttet, mehr als drei Viertel davon als pauschale Subventionen je Hektar Fläche. In der Praxis heißt das: Die 3.300 flächengrößten Betriebe erhalten eine Milliarde Euro im Jahr, während die kleinsten 200.000 Bauernhöfe sich knapp 700 Millionen teilen müssen.

"Mit den über sechs Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr an EU-Agrargeldern verteilt, muss der umwelt- und tiergerechte Umbau der Landwirtschaft gefördert werden", so Saskia Richartz. "Doch Agrarministerin Klöckner klammert sich an die pauschalen Flächensubventionen wie ihre Vorgänger ans Ackergift Glyphosat. Der Agrarindustrie immer weiter Milliarden in den Rachen zu stopfen ist agrar- und klimapolitischer Irrsinn. Wir fordern: Umverteilen jetzt!"

Beim Demonstrationszug zum Agrarministergipfel schlagen die Demonstranten Alarm für die Agrarwende. Mit ihrem Kochtopf-Konzert fordern sie konsequenten Klima- und Naturschutz, mehr Unterstützung für kleine und mittlere Betriebe, artgerechte Tierhaltung, ein Ende der Dumping-Exporte, gerechten Welthandel und gesundes Essen für alle. Schon am Vormittag hatten die 171 Bauern, die die Demonstration mit ihren Traktoren anführen, eine Protestnote an die 70 versammelten Minister aus aller Welt übergeben.

"Wir haben die Agrarpolitik der Bundesregierung satt. Wir ackern tagtäglich für gutes, enkeltauglich produziertes Essen. Dafür verlangen wir politische Unterstützung", sagt Moritz Schäfer. Der 32-Jährige ist aus dem hessischen Schwalmtal mit dem Traktor angereist, wo er einen Betrieb mit 100 Kühen und 250 Hektar bewirtschaftet. "Meine Kühe stehen auf der Weide, ich produziere das Futter hier vor Ort und sähe vielfältige Fruchtfolgen. Insekten, Wasser und Klima danken es mir, die Politik aber nicht. Julia Klöckner muss endlich die Interessenvertretung der Industrie beenden und eine Politik für Bauern, Bienen und lebensfähige Dörfer machen", fordert Schäfer im Namen der Traktorfahrer.

Die Großdemonstration richtet sich gegen die Agrarindustrie, nicht aber gegen Landwirte. Die konventionellen und Öko-Bauern demonstrieren auch im neunten Jahr im Schulterschluss mit Bäckern, Imkern, Köchen, Naturschützern und der Zivilgesellschaft gegen die fatalen Auswirkungen der intensiven industriellen Landwirtschaft. Gemeinsam zeigt das breite "Wir haben es satt!"-Bündnis Wege für eine bäuerliche Landwirtschaft der Zukunft und ein gutes Ernährungssystem auf.

Weitere Informationen: www.wir-haben-es-satt.de

Fotos zur kostenfreien Verwendung ab 14 Uhr unter: www.wir-haben-es-satt.de/presse

Statements von Rednerinnen und Rednern der Demonstration:

   Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland: 
"Um unsere Ernährung und die der nächsten Generation zu sichern, 
müssen wir die biokulturelle Vielfalt bewahren und die 
kleinbäuerliche Landwirtschaft, handwerkliche Fischerei und 
Lebensmittelherstellung unterstützen. Gefördert werden darf nur noch,
wer soziale und ökologische Leistungen erbringt. Dafür ist ein 
politischer Kurswechsel unausweichlich." 
   Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz 
Deutschland (BUND): 
"Die europäische Agrarpolitik muss geändert werden. Nur wer Tiere 
artgerecht hält und unsere Umwelt schützt, soll in Zukunft Geld aus 
Brüssel bekommen. Wir brauchen ein starkes Europa, das aber 
ökologisch und sozial gerechter ist und brauchen die Stärkung des 
EU-Parlaments, damit das auch als Mehrheitswille der europäischen 
Bevölkerung durchgesetzt werden kann." 
   Alina Drach vom ackerfeministischen Treckerblock: 
"In landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten knapp 50% Frauen*, ihre 
Arbeit wird oft nicht gesehen und wertgeschätzt. Wir fordern 
Chancengleichheit für Frauen* in der Landwirtschaft. Wir sind hier, 
um zu zeigen, dass wir auch Trecker fahren können und der Kampf für 
eine gerechte Agrarpolitik nur gemeinsam geht!" 
   Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Bio-Bauer und Vorsitzender des Bund
Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW): 
"Immer mehr Landwirte packen den Umbau der Landwirtschaft schon 
selbst an - nicht nur hunderttausende Bio-Bauern in ganz Europa. Die 
Politik muss mit der EU-Agrarpolitik die Bauern unterstützen, die 
Klima und Wasser, Boden und Bienen schützen und unsere Tiere 
artgerecht halten." 
   Janet Maro, Geschäftsführerin von Sustainable Agriculture Tanzania
(SAT): 
"Deutschland muss in seiner Entwicklungszusammenarbeit auf 
Agrarökologie statt Agrarindustrie und Grüne Revolution setzen. Wir 
brauchen bäuerliches Saatgut und keine Hybride. Damit Agrarökologie 
und bäuerliches Saatgut endlich eine Chance haben, muss Deutschland 
die Förderung der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika 
einstellen." 
   Sweelin Heuss, Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland: 
"Für Bäuerinnen und Bauern sind Dürre und Starkregen eine besonders 
existenzielle Gefahr. Die Landwirtschaft kann dem Klimawandel nicht 
einfach ausweichen. Ich bin froh, dass wir mit der Klimaklage Seite 
an Seite mit Landwirten für wirksamen Klimaschutz kämpfen!" 
   Lucia Heigl, konventionelle Milchbäuerin aus Bayern und 
stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche
Landwirtschaft (AbL): 
"Wir nehmen die Sorgen und Wünsche der Gesellschaft ernst. Aber dafür
brauchen wir faire Preise und eine grundlegend andere Förder- und 
Marktpolitik in Berlin. Die alte Agrarpolitik haben wir satt." 
   Olaf Tschimpke, NABU-Präsident: 
"Die aktuelle Agrarpolitik schaufelt ein Grab für Insekten und Höfe -
finanziert mit 60 Milliarden Euro Steuergeld. Wir brauchen einen 
Kurswechsel: Landwirte, die Natur und Klima schonen, müssen besser 
belohnt werden. Frau Klöckner, befreien Sie sich endlich aus dem 
Zangengriff der Agrarlobby und machen Sie Agrarpolitik für Bauern und
Verbraucher" 
   Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: 
"Eine freiwillige, staatliche Tierwohlkennzeichnung, wie sie 
Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner plant, darf nicht 
missbraucht werden, um notwendige Anpassungen im Ordnungsrecht auf 
die lange Bank zu schieben. Die Kennzeichnung sollte daher dringend 
in eine Gesamtstrategie eingebettet sein." 
   Christoph Bautz, Geschäftsführer der Bürgerbewegung Campact: 
"Wir sind hier, damit die 60 Milliarden im Jahr, unser Steuergeld, 
endlich an die Bäuerinnen und Bau ern fließen, die mit ihrer harten 
Arbeit unsere Kulturlandschaft und die Artenvielfalt erhalten und für
gutes Essen sorgen. Gebt denen genug Geld. Aber dreht der 
Agrarindustrie endlich den Geldhahn zu!" 
   Klaus Ahrens, Vizepräsident des Deutschen Berufs- und 
Erwerbsimkerbunds (DBIB): 
"Ob Insektenschutz, Tierhaltung oder Pestizidverbot - die 
Agrarministerin vertagt den Umbau der Landwirtschaft auf den Kosten 
von Umwelt, Tier und Klima. Die Zeche bezahlen am Ende die 
Artenvielfalt und die Verbraucher. Denn Insekten sind nicht nur die 
wichtigsten Pflanzenbestäuber, sondern sie regulieren auch Schädlinge
und dienen zahlreichen anderen Arten als Futter." 
   Lea Kliem, Sprecherin des Berliner Ernährungsrats: 
"Wir wollen keinen Einheitsbrei von Großkonzernen, sondern 
schmackhafte Vielfalt auf den Tellern! Die Zeit ist reif für die 
Ernährungswende. Die Politik zeigt wenig Engagement und so nehmen 
zivilgesellschaftliche Initiativen wie der Ernährungsrat den Wandel 
in die Hand. Wir fordern: Ernährungsdemokratie jetzt!" 

Pressekontakt:

Christian Rollmann, "Wir haben es satt!"-Pressesprecher,
Tel.: 030-28482438, Mobil: 0151-51245795, E-Mail:
presse@meine-landwirtschaft.de

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