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21.12.2016 – 20:05

Ostthüringer Zeitung

Ostthüringer Zeitung: Wolfgang Schütze kommentiert: Präfaktisches Gebaren

Gera (ots)

Manche Politiker können sich eine Scheibe abschneiden vom Verhalten der meisten Berliner. Das Leben in der Hauptstadt geht weiter, berichten Freunde. Nicht so, als sei nichts geschehen, als habe es den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nicht gegeben.

Denn selbstverständlich wird um die Opfer getrauert, hat man bei großen Menschenansammlungen ein bisschen mehr Muffensausen als früher, aber ungezählte Leute leben auch ihren Trotz aus: Sie gehen weiter auf Weihnachtsmärkte, sie genießen so gut es geht das freie Leben in einer freien Stadt.

Das unterscheidet die Millionen-Metropole von Leuten, die sich wie ein Hühnerhaufen gebärden, der gerade vom Fuchs heimgesucht wurde. Alles ist vertreten: Während sich Horst Seehofer (CSU) und Marcus Pretzell (AfD) in Übertreibung gefallen, halten Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Aydan Özoguz (SPD) mit Untertreibung dagegen. Man wünschte sich, die Schwingungen glichen sich aus - und in der Politik wär' mal eine Zeit lang Stille.

Statt dessen aber gackern viele Parteifunktionäre in bereitwilligst hingehaltene Mikrofone - als gäbe es morgen keine Chance mehr sich zu äußern. "Postfaktisches" wird durch "Präfaktisches" ersetzt. Auch in den sogenannten sozialen Netzwerken feiern Selbstbespiegelung und Hass fröhlich Urständ: Die einen beschimpfen die "Lügenpresse", weil sie Mutmaßungen so nennt und abwartet, bis sich Tatsachen herausstellen. Und die anderen geißeln es sogleich als "Polizeiskandal", nur weil sich ein Verdacht nach näherer Prüfung als nicht haltbar erweist.

Es kann ja sein, dass die Sicherheits- und Flüchtlingspolitik in Deutschland im Lichte des Anschlags von Berlin und vorheriger islamistisch geprägter Vorkommnisse neu betrachtet werden muss. Aber dazu braucht es Fakten, geschaffen unter anderem von Polizei und Justiz. Angela Merkel hat schwere Fehler gemacht, gewiss. Aber nicht für jeden Fehler, zum Beispiel bei Duldung und Abschiebung, ist die Kanzlerin verantwortlich.

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