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Tunesien nach der Revolution - auf dem Weg ins Chaos oder einer besseren Zukunft?

Berlin / Tunis (ots) - (GTAI) Der Diktator ist weg, die Demonstrationen gehen weiter. Trotz der Flucht von Ex-Präsident Zine El Abidine Ben Ali kommt Tunesien nicht zur Ruhe. Die Bevölkerung misstraut der Übergangsregierung, das alte Regime sei darin noch zu präsent. Und so gehen die Demonstranten in Tunis weiter auf die Straßen, wirklich zur Ruhe gekommen ist das Land noch nicht. Doch wie sieht die Zukunft Tunesiens aus? Aus Tunis GTAI-Korrespondenten Fausi Najjar.

Im Wirtschaftsleben bergen Neuanfänge immer auch neue Chancen. Vor allem bei einem positiven politischen Wandel in Tunesien ist deswegen ein großes Potenzial für deutsche Unternehmen zu erwarten. Richtig ist: Der Wandel ist noch nicht abgeschlossen. Die Übergangsregierung, die innerhalb von drei Monaten Wahlen bewerkstelligen soll, steht heftig in der Kritik: Die Bevölkerung befürchtet, dass die neue Regierung die Privilegien und den Einfluss der alten Kader in das "Neue Tunesien" retten möchte. Umso schneller müssen nun die politischen Versprechen umgesetzt und der Demokratisierungsprozess forciert werden.

Die politischen Unwägbarkeiten dürfen aber über eines nicht hinweg täuschen: Der Sturz des Präsidenten Ben Ali und die Vertreibung seiner familiären Clique ist in dem wirtschaftlich am weitesten entwickelten Land Nordafrikas erfolgt und es waren insbesondere die vergleichsweise breite tunesische Mittelschicht sowie die jungen Menschen, die entscheidende Kraft beim Umsturz. Bürgerinnen und Bürger aus allen Schichten sind auf die Straße gegangen, wie vor Ort bei der letzten Großkundgebung in Tunis vor Ben Alis Flucht zu beobachten war. Völlig zu Recht spricht deswegen der Nahost-Experte und Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, davon, dass "Tunesien reif für die Demokratie sei". Entscheidend in der Argumentation von Perthes ist, dass die Mittelschicht sich einer politischen Restauration wahrscheinlich widersetzen würde.

Die wirtschaftlichen Probleme vor denen Tunesien nun steht, sind auch so schon groß: Es wird schwierig bleiben, die hohe Arbeitslosigkeit - vor allem bei den Akademikern - und die regionalen Gefälle im Land zu mindern; dass bei der Förderung der Landwirtschaft oder bei der Subventionierung von Grundnahrungsmitteln nun die reine Marktlehre zum Zuge kommen wird, ist nicht zu erwarten, muss aber womöglich in Kauf genommen werden. Es steht auch ein Prozess an, den man mit einer "De-Ben-Alisierung" der Wirtschaft umschreiben könnte. Das bedeutet, dass nachdem die Pfründe, die Ben-Alis Verwandtschaft vor allem in den Bereichen Großhandel, Bankwesen und Immobilien innehatte, abgeschafft wurden, nun eine neue faire Wettbewerbsordnung her muss. Das wird nur in einem demokratischen Tunesien funktionieren können.

Sicher wird es mit dem Sturz des alten Regimes auch neue Impulse für die tunesische Wirtschaft geben. Zu rechnen ist mit einer erhöhten Investitionsbereitschaft von tunesischen Unternehmen, die - im Unterschied zu ausländischen Firmen - die Leidtragenden der Bereicherung des herrschenden Familien-Clans waren. Für tunesische Unternehmen ergeben sich nun ganz neue Freiheitsgrade; das wird die gesamtwirtschaftliche Entwicklung stützen.

Der Industrialisierungsgrad und die Mehrwertschöpfung pro Kopf im produzierenden Gewerbe sind in dem südlichen Mittelmeeranrainer im regionalen Vergleich mit Abstand am größten. Zu den wichtigsten Standortfaktoren Tunesiens zählen auch qualifizierte Arbeitskräfte, eine leistungsfähige Infrastruktur und die geographische Nähe zu Europa. Es ist unwahrscheinlich, dass die guten Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen aufs Spiel gesetzt werden.

Nach Angaben der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien) sind insgesamt 280 deutsche Unternehmen vor Ort tätig, vor allem in den Branchen Textil und Bekleidung, Elektronik sowie Zulieferer für die Automobilindustrie. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen betrug im Jahr 2008 157 Mio. Euro. Tunesien gilt als wettbewerbsfähiger Standort für die Produktion vor allem von Kfz-Teilen und -Zubehör. Auch deutsche Hersteller von Maschinen verzeichneten 2010 wegen notwendiger Modernisierungen wachsende Lieferaufträge. Deutschland bezieht aus Tunesien vor allem Waren aus den Bereichen Textilien und Bekleidung, Elektrotechnik und Erdöl.

Für eine schnelle wirtschaftliche Erholung wird nicht zuletzt vor allem der Tourismus bald wieder anziehen müssen. Zwar ist das Gewicht des Tourismus und der Landwirtschaft in Tunesien im Bruttoinlandsprodukt geringer als die oberflächliche Betrachtung vermuten lässt, beide Sektoren spielen aber weiterhin eine wichtige Rolle für die konjunkturelle Entwicklung und hier insbesondere für den Konsum und die Beschäftigung von unteren Einkommensbeziehern.

Selbstverständlich bleibt im Augenblick die Marktlage in Tunesien unübersichtlich und es sind Risiken gegeben Schon jetzt sind aber positive Signale erkennbar: Nach kürzester Zeit arbeiten die See- und Flughäfen wieder, wenn auch die Ausgangssperren und neue Sicherheitsbestimmungen im Hafen die Abwicklung noch verzögern.

Für eine positive Entwicklung spricht außerdem, dass neben dem großen Mut der Tunesier bislang der "Bürgersinn" bei den politischen Umbrüchen überwogen hat. Bekannt ist, dass sich direkt nach der Flucht im ganzen Land Bürgerwehren gebildet haben, um ein Chaos abzuwenden. Die AHK berichtet zudem, dass tunesische Mitarbeiter oder Teile Ihrer Familien deutsche Unternehmen beschützt hätten. Plünderungen waren weniger chaotisch als zunächst befürchtet und richteten sich überwiegend gegen die Einkaufszentren, bei denen der Ben-Ali-Clan mitmischte. Auch die Unterstützung durch tunesische Dienstleister gerade in der prekären Phase, wie die automatische Notaufladung von tunesischen Kartentelefonen, um nicht von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, oder der Anruf des Autovermieters, um nach dem Rechten zu schauen, sprechen eine eigene Sprache: Ein Kundenservice der besonderen Art. (F.N.)

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