SWR - Südwestrundfunk

Südwestrundfunk (SWR) Programmhinweis für Freitag, 2. Dezember 2005 (Woche 48)

    Baden-Baden (ots) - Freitag, 2. Dezember 2005 (Woche 48)28.11.2005


22.00
            Nachtcafé
            Gäste bei Wieland Backes
            In Würde sterben

    Sterben müssen wir alle. Doch ob man auch selbst über den Zeitpunkt entscheiden darf, wird derzeit heiß diskutiert. Es geht darum, wie Sterben in Würde möglich ist. Patientenverfügungen reichen bislang nicht aus. Wie kann der Wille der Betroffenen besser berücksichtigt werden? Wie weit ist die Palliativmedizin? Welche Möglichkeiten haben wir überhaupt, unsere letzte Lebensphase zu planen? Gibt es in unserer immer älter werdenden Gesellschaft beispielsweise genügend Plätze in Hospizen, damit Menschen würdig betreut werden? Wer darf und wer soll entscheiden, ob in einem Endstadium Apparate abgeschaltet werden oder jemand im Kreis der Familie selbstbestimmt sein Leben beenden kann?

    Die Gäste:

    Ludwig A. Minelli, Generalsekretär der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas, ist seit einigen Wochen auch in Deutschland aktiv. Mit der Eröffnung einer Zweigstelle in Hannover will er die Diskussion über assistierte Sterbehilfe für Schwerstkranke in Gang bringen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht Politiker, Mediziner und Philosophen einen offenen Schlagabtausch in Sachen Sterbehilfe liefern. Der 72-jährige Jurist ist von seinem Vorstoß überzeugt: "In Deutschland gibt es eine rechtliche Grauzone - und die sollte schleunigst beseitigt werden!"

    Die schwerkranken Eltern des Schweizers Nicola Bardola entschieden sich vor einigen Jahren für den gemeinsamen, begleiteten Freitod. Als Vater Bardola mit der Diagnose Blasenkrebs konfrontiert wurde, war für ihn klar, dass er nicht unnötig leiden und die letzten Monate seines Lebens in vollem Bewusstsein genießen wolle. Er lehnte jede medizinische Behandlung ab und verabschiedete sich gemeinsam mit seiner Frau in den noch verbleibenden Wochen von der Familie. Für Sohn Nicola eine harte, aber nachvollziehbare Entscheidung: "Meine Eltern starben in Würde, weil sie den Tod als Freund und nicht als Feind sahen."

    Stella Schell würde im Zweifel immer für den Erhalt des Lebens kämpfen - auch wenn die Chance noch so klein ist. So wie bei ihrem Mann, dem Schauspieler Carl Schell: Er fiel vor knapp fünf Jahren nach einer Herzoperation ins Koma. Die Mediziner glaubten nicht an seine Genesung, wollten die Geräte, an denen er hing, abstellen. Nur durch die Hartnäckigkeit seiner Frau blieben die Maschinen am laufen. Ihr Einsatz sollte sich lohnen: Wie durch ein Wunder kam ihr Mann wieder zu Bewusstsein, erholte sich vollständig. Für die Schauspielerin der klare Beweis: "Kein Mensch sollte das Recht haben, über Leben und Tod zu entscheiden!"

    Für Professor Christoph Student steht die Würde des Menschen bis zum Schluss im Vordergrund: Zum einen lehnt er Sterbehilfe grundsätzlich ab, zum anderen sollten Todkranke nicht das Gefühl haben, ausgeliefert zu sein. Aus dem täglichen Umgang mit Sterbenden weiß der Hospizleiter aus Stuttgart, dass die Schmerzlinderung durch die Palliativmedizin für die Sterbenden genauso wichtig ist wie lange Gespräche und menschliche Zuwendung. "Alleine kann ein Mensch nicht in Würde sterben, denn alleine sein, heißt isoliert sein."

    Susanne Pfab-Groches Schwiegermutter war trotz familiärer Anbindung kein würdevoller Tod vergönnt: Nach einem Schlaganfall fiel die fast 90-Jährige vor zweieinhalb Jahren ins Wachkoma. Doch statt die alte Dame sterben zu lassen, wie sie es in ihrer Patientenverfügung gewünscht hatte, legten die Ärzte ihr eine Magensonde. Obwohl sie mit verkrümmtem Körper und eingefallenem Gesicht teilnahmslos ans Bett gefesselt war, wurde sie am Leben gehalten - zum Sterben bekam sie keine Chance. Vergangene Woche starb sie nun doch - an einer schmerzhaften Bronchitis. Susanne Pfab-Groche ist entsetzt: "Erst nutzten die Ärzte ihre Macht brutal aus, am Ende bekam Margarete nicht einmal genügend Morphium gegen die Schmerzen!"

    Die Medizinrechtlerin Petra Vetter kann die Empörung der Familie Groche nachvollziehen, liegt sie doch häufig mit Ärzten oder Pflegeheimen im Clinch, wenn es darum geht, Patientenrechte gegenüber den Göttern in Weiß durchzusetzen. Die vermeintliche Allmacht von Medizinern sei allerdings häufig mit deren rechtlicher Unsicherheit gepaart. Im Zweifelsfall entschieden sie sich für lebensverlängernde Maßnahmen, auch aus der Angst heraus, Sterbehilfe zu leisten. Die Stuttgarterin kämpft deshalb für eindeutige abgefasste Patientenverfügungen: "Da Ärzte an diesen Patientenwillen gebunden sind, können sie ein Sterben in Würde ermöglichen."

    An der Bar: Dass Menschen würdelos und alleine im Krankenhaus sterben, hat Anna Lange bereits in jungen Jahren während eines Praktikums auf einer Krebsstation erfahren. Dem wollte sie entgegenwirken. Seit elf Jahren begleitet die 54-Jährige in ihrer Freizeit Menschen in den Tod. Sie möchte den Todkranken ihre letzte Zeit verschönern, hält ihnen die Hand, bietet ihnen ein Ohr. "Die letzten Wünsche der Sterbenden sind sehr unterschiedlich. Ob Lieblingstorte oder jede Woche eine neue Rose - ich erfülle sie gerne."

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