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14.04.2004 – 13:57

SWR - Südwestrundfunk

Dokumentarfilm "Amok in der Schule" am 21. April um 23.00 Uhr im Ersten

    Baden-Baden (ots)

Ein nachdrücklicher Verzicht auf visuelle Gewalt

    "Ich denke, ich stehe noch am Anfang meines Lebens. Momentan versuche ich, mein Abitur so gut wie möglich zu bestehen. Vor einiger Zeit war mein Ziel, Informatik zu studieren, doch benötigt man dafür 10 Punkte im Leistungskurs, die ich nicht erreichen kann. Deshalb musste ich diesen Traum leider aufgeben. (...) Ich sehe mich persönlich als einen Menschen, der seine Macken hat und manchmal etwas schwer zu ertragen ist. Allerdings habe ich auch meine guten Seiten, wie z.B. meinen Humor." Während diese Selbstbeschreibung des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser zu hören ist, fährt die dokumentarische Kamera von Thomas Schadt und Knut Beulich langsam über den Rand einer steinernen Mauer. Man kann sich kaum einen zurückgenommeneren Einstieg in das Thema der tödlichen Gewalt vorstellen, dem sich der SWR-Dokumentarfilm "Amok in der Schule" am 21. April 2004, um 23.00 Uhr im Ersten widmet.

    Robert Steinhäuser hat am 16. April 2002 im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 16 Lehrer und Mitschüler erschossen, bevor er sich selbst richtete. In welche Bilder kann man den Schrecken bannen, den eine solche Tat hinterlässt? Der Getriebenheit des Täters, dem Aufruhr des Tages, dem Schock einer Stadt und der Medienhysterie haben die Filmemacher Thomas Schadt ("Berlin: Sinfonie einer Großstadt", "Pausenfilm") und Knut Beulich ("Suppe") Bilder von leeren Räumen, Treppenhäusern und schweigenden Wände gegenübergestellt. Die Kamera ist nahezu blicklos, sie tastet Fassaden ab und deutet damit an, dass hinter sandfarbenen Fassaden Unsagbares verborgen ist. Es sind aber nicht die Bilder, die unter die Oberfläche vordringen, oder auch nur vorgeben, dies zu wollen. Die Bilder, sie geben Halt bei dem, was man in diesem Dokumentarfilm eines west- und eines ostdeutschen Filmemachers zu hören bekommt.

    Zum ersten Mal haben sich die Eltern von Robert Steinhäuser ausführlich geäußert. Mit ihrem Dialog lässt sich ein wichtiger Teil dieser Gewaltge-schichte erzählen, wenn auch nicht die ganze. Um sie zu schützen, haben zwei Schauspieler ihre Sprecherrollen übernommen.

    Das Zwiegespräch, mit dem sie sich den schmerzlichen Erinnerungen noch einmal stellen, lässt mit aller Macht, um nicht zu sagen Gewalt, die Brüchigkeit heutiger Lebensverhältnisse offenbar werden: Entfremdung, Sprachlosigkeit, Gefühlsarmut oder auch nur Mangel an Phantasie. Die Tragödie entwirrt sich als Versagen aller Instanzen, was auch durch die Aussagen des Bruders, von Lehrern und Mitschülern oder Hinterbliebenen gestützt wird.

    Form und Inhalt werden insofern zur Deckung gebracht, als dass man den Eindruck hat, Bilder zum Zuhören zu sehen. Nachdrücklicher kann ein Verzicht auf visuelle Gewalt nicht sein, um den Raum für eine gesellschaftliche Diskussion über Gewalt zurückzuerobern. Denn eines war das Geschehen in Erfurt nicht: die Tat eines Psychopathen - davon sind die beiden Filmemacher überzeugt. Und damit stehen sie nicht allein.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Gabi Schlattmann, Tel.: 07221/929-3273

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