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29.09.2003 – 14:18

SWR - Südwestrundfunk

WDR, MDR, RBB, HR und SWR senden in ihren dritten Fernsehprogrammen ab Donnerstag, 2. 10.: "Russland lesen" von Puschkin bis Solschenizyn
Dreiteiliger Streifzug durch die russische Literatur

    Baden-Baden (ots)

    Zum diesjährigen Buchmesse-Schwerpunkt Russland begibt sich das SÜDWEST Fernsehen ab 2. Oktober 2003 in einer dreiteiligen Dokumentation auf einen Streifzug durch die Welt der russischen Literatur. Unter dem Titel "Russland lesen" hat der Regisseur Thomas Palzer zwei Jahrhunderte russischer Literatur in Bildmontagen zum Leben erweckt. Zu sehen sind auch bisher unveröffentlichte Film- und Bildmaterialien aus russischen Archiven. "Bilder und zeitgenössische Dokumente können dazu beitragen, auch der nachwachsenden Generation jene Kraft zu vermitteln, die gerade die russische Literatur aus der Geschichte zog", würdigte Kulturministerin Christina Weiss (parteilos) in einem Grußwort das Projekt, russische Literatur ins Fernsehen zu bringen. Die 60-minütigen Dokumentationen laufen jeweils am Donnerstag um 22.30 Uhr im SÜDWEST Fernsehen. Andere dritte Programme wie das MDR-Fernsehen, das RBB-Fernsehen und das Hessen-Fernsehen übernehmen die Reihe.          Von den Zaren bis zu den Sowjets hat kein Land auf der Welt Dichter und Schriftsteller so gefürchtet, verfolgt und in die Verbannung geschickt wie Russland. Dennoch oder gerade deswegen hatte die Freiheit in dem riesigen Land in der Literatur eine Heimstatt. Dieses Bewusstsein lebt in den Menschen bis heute fort, denn in keinem Land wird soviel gelesen wie in Russland. Und stets setzten die nachgeborenen Schriftsteller ihr Werk in Beziehung zur großen literarischen Tradition ihrer Vorgänger. So verdeutlicht der erste Teil des Streifzuges durch die russische Literatur unter dem Titel "Das Vermächtnis Puschkins" wie stark dieser Schriftsteller, der von 1799-1837 lebte, die nachfolgenden Literaten prägte. Der zweite Teil mit dem Titel "Aufbruch und Verzweiflung" läuft am Donnerstag, 9. Oktober, gefolgt von "Der lange Schatten der Revolution" am Donnerstag, 16. Oktober.          Im ersten Teil von "Russland lesen" wird gezeigt, wie 1849 der junge Schriftsteller Fjodor Dostojewskij als Mitglied eines Verschwörerzirkels verhaftet, zum Tode verurteilt und eine Minute vor Vollstreckung des Urteils begnadigt wird. Knapp zehn Jahre später wird er sich in St. Petersburg in die erste Garde der russischen Schriftsteller schreiben. Mit seinen Zeitgenossen Gogol, Lermontow und Gontscharow, aber auch mit dem "Westler" Turgenjew begründet Dostojewskij das sogenannte "Goldene Zeitalter" der russischen Literatur. Sie alle sehen ihr großes Vorbild in Puschkin. Er etablierte die russische Sprache als eine literarische. Trotzdem blieb seine kraftvolle Prosa nah an der russischen Volksseele. Bis heute ist Puschkin deshalb der russische "Hausdichter" geblieben, sein Versepos "Eugen Onegin" gehört noch immer für jedes Kind zur ersten Lektüre.     

    Im zweiten Teil "Aufbruch und Verzweiflung" geht es vor allem um
Graf Lew Tolstoj, der von 1828 bis 1910 lebte. Trotz künstlerischer
und weltanschaulicher Spannungen zwischen den beiden großen
russischen Dichterfürsten Dostojewskij und Tolstoj gab es
Gemeinsamkeiten. Beide lehnten die Orientierung des Adels nach dem
westlichen Europa ab, denn die russische Seele sei dem westlichen,
ihrer Meinung nach korrupten Materialismus, überlegen. Beide stritten
für die "Russifizierung" Russlands. Seit der Abschaffung der
Leibeigenschaft mehrten sich jene Stimmen, die auf eine
Liberalisierung der Verhältnisse hin zu einer offeneren
Bürgergesellschaft drängten. Tolstojs und Dostojewskijs literarisches
Erbe wurde fortgeschrieben von dem aus einfachen Verhältnissen
stammenden Maxim Gorkij. Der Film macht deutlich, dass in Gorkijs
Novellen und Stücken Vagabunden, Landstreicher und Barfüßer zu Helden
werden. Zudem wird veranschaulicht wie die Erzählungen des Arztes
Anton Tschechow die zeitgenössische russische Gesellschaft bis ins
Detail abbilden. Und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Ruf nach
radikaler literarischer Erneuerung laut. Vor allem einige junge
Lyriker wie Brjussow, Blok, Achmatowa und Gippius/Mereschkowskij
drängten weg von der realistisch-naturalistischen Darstellung, um
damit die Moderne einzuläuten.
    
    Im dritten Teil "Der lange Schatten der Revolution" geht es um die
dunklen Seiten in der russischen Literatur. Die Verfolgungen und
Erschießungskommandos des nach der Oktoberrevolution von 1917
siegreichen bolschewistischen Regimes lösten die erste große
Emigrationswelle russischer Intellektueller aus. Berlin wurde ein
Zentrum der russischen Exilanten. Majakowskij beging Selbstmord,
Alexander Blok wurde von der grauenhaften Realität physisch und
psychisch aufgerieben. Stalin kürte Maxim Gorkij zum neuen Dogmatiker
der Literatur. Auf dem Schriftstellerkongress 1934 verkündete der den
"Sozialistischen Realismus" als Maßgabe für das künftige
Kunstschaffen. Die russische Literatur spaltete sich in Exil- und
Sowjetliteratur auf. Für die, die blieben, wurde die literarische
Arbeit zunehmend existenzbedrohend. Schriftsteller wie Daniil Charms
("Fälle") oder Michail Bulgakow ("Der Meister und Margarita") wurden
wegen ihrer satirischen Beschreibungen der sowjetischen Wirklichkeit
mit einem Publikationsverbot belegt. Auch Boris Pasternak, später
weltberühmt durch "Doktor Schiwago", konnte nur noch als Übersetzer
arbeiten. Erst unter Chruschtschow, im Zeichen des Tauwetters, wurde
die Zensur lockerer, blieb aber immer noch willkürlich. Während
Pasternak 1958 den Nobelpreis für Literatur auf Druck von Staat,
Partei und Schriftstellerverband ablehnen musste, konnte Alexander
Solschenizyn 1962 mit Billigung Chruschtschows seine erste große
Erzählung über den Terror in den stalinistischen Lagern
veröffentlichen ("Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"). Doch
Breschnew verhängte den Horizont wieder. Solschenizyn musste Russland
verlassen. Auch Joseph Brodsky, dem ein aufsehenerregender
Schauprozess gemacht wurde. Als 1991 das Sowjetsystem zusammenbrach,
bereitete Solschenizyn seine Rückkehr aus den USA vor. Der Film
zeigt, wie er sich bei der Rückkehr in der Tradition Dostojewskijs
und Tolstojs als Prophet inszenierte. Doch keiner will ihn inzwischen
mehr hören.
    
    Parallel zur Filmreihe ist im Frankfurter Fischer Verlag für 39,90
Euro eine sechsbändige Taschenbuchkassette erschienen, die die
Dostojewskij-Übersetzer und Swetlana Geier herausgegeben hat.
    
    
    Fotos finden Sie im Internet unter www.ard-foto.de.
    
    
ots Originaltext: SWR
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Stephan Reich, Tel.:
07221/929-4233 oder Martin Ryan, Tel.: 07221/929-2285.

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