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30.06.2003 – 10:36

SWR - Südwestrundfunk

SWR
REPORT MAINZ, Montag, 30.06.2003, 21.00 Uhr im ERSTEN
Regierungsberater Prof. Lauterbach: Alte Kranke werden fehlversorgt
"Unnötige Rationierung" bei Medikamenten "ethisch problematisch"

    Mainz (ots)

Nach Auffassung von Prof. Karl Lauterbach, dem engsten Berater von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), werden ältere Patienten vom bestehenden Gesundheitssystem benachteiligt. Lauterbach räumte im Interview mit dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ ein, bereits heute würden ältere Menschen fehlversorgt. Eine - von der Politik stets bestrittene - Rationierung im deutschen Gesundheitswesen sei in einzelnen Bereichen Realität. Wörtlich sagte der Kölner Gesundheitsökonom: "Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nur unnötige Rationierung, das heißt, es werden bestimmte Medikamente nicht eingesetzt, obwohl wir uns das leisten könnten, weil wir an anderer Stelle sehr viel Geld verschwenden." Deshalb sei die heutige Rationierung "überhaupt nicht notwendig und wo sie praktiziert wird - sie findet statt - ethisch problematisch". Als Beispiel für eine Rationierung nannte Lauterbach die Einschränkung der Verschreibung effektiver Medikamente als Folge des Arzneimittelbudgets.

    Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Prof. Bernd Raffelhüschen, wie Lauterbach Mitglied der Rürup-Kommission, rechnet damit, dass die arbeitende Generation in Zukunft für die Gesundheitsversorgung im Alter ein Finanzpolster anlegen müsse. Raffelhüschen in REPORT MAINZ wörtlich: "Im Moment ist die Rationierung eine implizite und funktioniert ganz gut. Wenn wir allerdings doppelt so viele und dreifach so viele Kranke in der Zukunft sein werden, dann müssen wir uns andere Rationierungsinstrumente überlegen. Und die werden dann vor allen Dingen natürlich darin bestehen, dass sich meine Generation überlegt, bestimmte Teile dieser Leistungen dann selbst zu finanzieren."

    Die Bremer Soziologin, Prof. Hilke Brockmann hat in einer Studie nachgewiesen, "dass ältere Menschen eine weniger aufwändige Behandlung im Krankenhaus bekommen als jüngere Patienten." Bei der Auswertung von AOK-Daten war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass Ärzte "ganz wesentlich diese Entscheidung für die Patienten treffen", aufgrund des Alters und nicht aus medizinischer Notwendigkeit.

    Eine Reihe von internationalen Studien, habe gezeigt, dass Ärzte jüngere Patienten "bevorzugen". In Experimenten habe man Ärzten oder Medizinstudenten, Krankheitsbilder präsentiert, die identisch waren, bis auf das Alter der Patienten. Die Untersuchungen hätten laut Brockmann gezeigt, "dass ältere Patienten eine weniger aufwendige, eine weniger moderne Therapie erhalten als jüngere Patienten".

    Der norwegische Gesundheitsexperte Stein Husebö, der als Gastprofessor an der Universität Wien europaweit ein Forschungsprojekt "Würde im Alter" leitet, erklärte in REPORT MAINZ, dass auch im deutschen Gesundheitswesen eine Rationierung schon lange eingesetzt habe. Alte Patienten bekommen laut Husebö "zu viele Medikamente, die sie nicht brauchen und sie bekommen nicht Medikamente, die sie brauchen, vor allem am Ende des Lebens."


ots Originaltext: SWR
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