SWR - Südwestrundfunk

SWR-Umfrage: Nur sechs Bistümer ohne Missbrauchsfälle

    Baden-Baden (ots) -
    
    Dokumentarfilm "Tatort Kirche" zu sexuellem Missbrauch durch
katholische Priester am 1. September 2002 im Ersten
    
    Deutsche Bistümer räumen mindestens 47 Fälle sexuellen Missbrauchs
durch Priester oder andere Kirchen-Mitarbeiter in den vergangenen 30
Jahren ein. Dies ergab eine schriftliche Umfrage des Südwestrundfunks
(SWR) anlässlich der ARD-Dokumentation "Tatort Kirche: Sexueller
Missbrauch durch Priester", die am 1. September im Ersten
ausgestrahlt wird (17.30 bis 18.00 Uhr). Bislang hatten sich
lediglich einzelne Bistümer im Zusammenhang mit aktuellen
staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen über die Anzahl sexueller
Übergriffe in ihrem Bistum geäußert.
    
    In "Tatort Kirche", dem Dokumentarfilm von Thomas Leif und Annette
Wagner, kommen Opfer, Therapeuten und Kirchenvertreter zu Wort.
Erstmals sprechen auch Täter über ihre Übergriffe.
    
    Über endgültige Richtlinien für einen einheitlichen Umgang aller
Bistümer mit Priestern in Fallen sexuellen Missbrauchs werden die
Bischöfe erst auf Ihrer Jahresvollversammlung Ende September
entscheiden.
    
    Die meisten Bistümer gaben dem SWR erst auf wiederholte Nachfrage
hin aktuelle Informationen. Von den 27 deutschen Bistümern blieben
nach eigenen Angaben bislang nur sechs - nämlich Berlin, Magdeburg,
Eichstätt, Görlitz, Passau und Erfurt - von Fällen sexuellen
Missbrauchs verschont. Das Bistum Dresden-Meißen verweigerte jede
Information, weil "wir uns mit der Weise der gegenwärtigen Behandlung
dieses sensiblen Themas in den Medien nicht einverstanden erklären
können." Auch das innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz mit der
Vorlage einer Expertise beauftragten Bistum Fulda beantwortete die
vorgelegten Fragen nicht. Man warte "auf die Absprache aller Bistümer
im Rahmen der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe in Fulda."
    
    Die Bistümer Münster, Augsburg, Dresden-Meißen, Bamberg ("Die Zahl
der Fälle in den letzten Jahrzehnten ist uns nicht bekannt.") sowie
Freiburg verweigerten konkrete Angaben oder verwiesen allgemein
gehalten auf "einige wenige Fälle." Nur in ganz wenigen Ausnahmen
(unter anderem in Essen, Hildesheim, Stuttgart-Rottenburg) existieren
schon heute konkrete Regelungen bzw. Regel-Entwürfe, wie mit
aufgedeckten Fällen sexuellen Missbrauchs umzugehen sei.
    
    Die meisten Bistümer sprachen sich - anders als noch auf der
Vollversammlung Ende April - nun für einheitliche Regelungen aus.
Wesentlicher Streitpunkt zwischen den Bistümern ist nach
Informationen des Südwestrundfunks der Umgang mit überführten Tätern.
Was soll mit ihnen nach verbüßter Therapie und einer möglichen Strafe
geschehen? Die meisten Bistümer wollen die Täter aus dem kirchlichen
Dienst entlassen und ihnen keine weiteren Tätigkeiten im kirchlichen
Rahmen ermöglichen. Nur wenige Bistümer wollen den Sündern eine
berufliche Zukunft innerhalb der Kirche bieten.
    
    Ein weiteres Ergebnis der Umfrage waren vereinzelt auch
Schuldeingeständnisse: Der zuständige Prälat des Bistums Görlitz
räumte ein, dass "man in deutschen Diözesen der Verantwortung sicher
nicht umfassend gerecht geworden sei". Auch das Bistum Augsburg
bedauert in der Vergangenheit "nicht immer in angemessener Weise
gehandelt zu haben."
    
    Der SWR-Film "Tatort Kirche" zeigt Hildesheim und
Rottenburg-Stuttgart als bislang einzige Diözesen, die offen mit dem
Thema sexueller Missbrauch umgehen. Bischof Gebhard Fürst - jüngst
mit einem Fall von Exhibitionismus in seiner Diözese konfrontiert -
will die Leitlinien für sein Bistum, die sogenannten "Rottenburger
Regularien", bereits Mitte September der Öffentlichkeit vorstellen.
Fürst stellt klar, dass er der gemeinsamen Beratung der
Bischofskonferenz nicht vorgreifen wolle. Er gehe jedoch davon aus,
"dass wir uns zumindest in einzelnen Punkten über ein einheitliches
Vorgehen verständigen können". Fürst im Originalton aus dem SWR-Film:
"Ich kann mir das gut vorstellen, dass das Vertrauen in vielen
Gemeinden im Augenblick zerstört ist, und wir müssen durch
transparente Verfahrensregeln, durch rasches Handeln dieses Vertrauen
wiedergewinnen."
    
    Aus den Interviews, die Thomas Leif und Annette Wagner mit den
Missbrauchs-Opfern führten, wird deutlich, dass klare Worte von
Seiten der Kirche Not tun: "Ich werfe der Kirche vor, dass sie sich
mehr um das Wohl der Täter gekümmert hat und nicht um das Wohl der
Opfer", sagt eine junge Frau, die als 6-jähriges Kind von einem
Priester sexuell missbraucht wurde. "Die Kirche trägt die
Verantwortung dafür, dass immer mehr Kinder Opfer wurden." Wie die
klassische Methode vieler Bistümer ‚Vertuschen durch Versetzen' in
der Vergangenheit funktionierte, beschreibt in "Tatort Kirche" auch
ein Priester, der über Jahre hinweg kleine Jungen missbrauchte.
Anonym gefilmt, weil der Wiederholungs-Täter erstmals über seine
Vergehen spricht, bestätigt er: "Meine stärkste Erfahrung war, dass
die Kirche den Mantel der christlichen Nächstenliebe über meine Taten
gedeckt hat".
    
    Fotos hierzu finden Sie unter www.ard-foto.de
    
    Weitere Informationen finden Sie unter
    www.swr.de/thema/archiv/020823_tatortkirche/index.html
    
    
ots Originaltext: SWR
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de

Für Rückfragen zur Umfrage steht Ihnen Dr. Thomas Leif zur Verfügung:
0171/9321891.
    
Für Fragen zum Film auch die Co-Autorin Annette Wagner: 0170/8617977.

Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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