SWR - Südwestrundfunk

Das Erste: SWR plant 75 Jahre nach Walter Ruttmann: "Berlin: Sinfonie einer Großstadt"

    Baden-Baden (ots) -      

    "Wir werden streiten und miteinander tanzen" / Thomas Schadt, Iris
ter Schiphorst und Helmut Oehring schaffen sinfonischen
Dokumentarfilm
    
    Der Südwestrundfunk (SWR) hat für dieses und das nächste Jahr ein
cineastisches und musikalisches Großprojekt in Auftrag gegeben:
"Berlin: Sinfonie einer Großstadt". Der mehrfache Grimmepreisträger
Thomas Schadt ("Der Kandidat", "Leben ohne Arbeit") beginnt gemeinsam
mit den beiden preisgekrönten zeitgenössischen Musikkomponisten Iris
ter Schiphorst und Helmut Oehring ("Prae-Senz (Ballet blanc II)",
"Silence Moves II", "Effi Briest") am 24. April mit einer
Neuinterpretation des Stummfilm-Klassikers "Berlin: die Sinfonie der
Großstadt" von Walter Ruttmann. Die Herausforderung für die eng
miteinander arbeitenden Künstler liegt in der Erschaffung neuer
visueller und akustischer Metaphern für das Berlin der Gegenwart. In
einem sinfonischen Dokumentarfilm sollen die Bild- und Musikrhythmen
zu einer ganz neuen "sinnlichen Textur" Berlins verschmelzen. Das
musikalische und filmische Gesamtkunstwerk wird vom SWR
Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg am 10. April 2002 unter
der Leitung des Gastdirigenten Roland Kluttig in der Staatsoper Unter
den Linden in Berlin uraufgeführt. Die herausragende Stellung des
Projekts macht auch die Produktionsfirma teamWorx deutlich. Hinter
ihr steht Erfolgsproduzent und Regisseur Nico Hofmann ("Der Tunnel"),
er sichert die hohe Qualität des sinfonischen Dokumentarfilms. Nach
der Premiere des sinfonischen Stummfilms in Berlin sind weitere
Tournee-Aufführungen in europäischen und deutschen Städten geplant,
z.B. in Wien, Freiburg, Mainz und Stuttgart. Daran sollen sich
Kinoaufführungen anschließen, bevor der Film im Winter nächsten
Jahres in ARTE und in Das Erste ausgestrahlt wird.
    
    Ein Jahr lang nehmen sich Thomas Schadt sowie Iris ter Schiphorst
und Helmut Oehring Zeit, um 75 Jahre nach Walter Ruttmanns
Filmsinfonie das Motiv "Großstadt" filmisch und musikalisch zu
beschreiben. Parallel und prozesshaft entwickeln die drei eine
Gesamtkomposition, die die klassische Trennung zwischen den beiden
Künsten Musik und Film überwinden soll. Das Original von Walter
Ruttmann gehört zur Avantgarde des experimentellen Films der 20er
Jahre. Ruttmann gilt als Vertreter der "Neuen Sachlichkeit" (G.F.
Harlaub), sein Werk "Berlin: die Sinfonie der Großstadt" wird den
"absoluten" Filmen zugerechnet, einer Richtung innerhalb des
Dokumentarfilms, der den inhaltlichen formale Experimente
voranstellte. Für Thomas Schadt, dessen Weg als Dokumentarfilmer beim
SWR bei Ebbo Demant begann, ist der Film "die größte Herausforderung
seines Lebens", wie er sagt: "Doch neben meiner eigenen Vision wird
mich Walter Ruttmann auf der Fahrt begleiten. Wir werden schon
unseren Spaß haben, ab und zu streiten, und anschließend wieder
miteinander tanzen." Auch für die Komponisten Iris ter Schiphorst und
Helmut Oehring, die seit 1996 immer wieder zusammen arbeiten, hat die
Partitur für den schwarzweißen, auf 35mm gedrehten Stummfilm einen
besonderen Stellenwert: "Wir sind es gewöhnt, unsere Kompositionen
gemeinsam zu präzisieren, jetzt kommt mit dem Film eine neue
Dimension der Verständigung dazu."
    
    Ruttmann hatte in seinem Film die Bewegungen in Berlin, von seinen
Bewohnern und Verkehrsmitteln, zu einer Bild-Musik-Sinfonie verwoben.
Das zentrale Gestaltungsprinzip ganz im Sinne der neu-sachlichen
Kunstauffassung war eine möglichst authentische Wiedergabe des Lebens
ohne künstliche Inszenierungen, mit dem die Darstellung eines
"Querschnitts" der Realität möglich war. Für den Avantgardefilmer
strukturierte sich das Filmmaterial nach der Musik. Hans Scheugl
spricht deshalb in "Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des
Avantgard-, Experimental- und Undergroundfilms" von einem
"sinfonischen Dokumentarfilm". Von Carl Meyer stammte die Idee, das
Drehbuch schrieb Karl Freund, Reimar Kunze und Robert Baberske trugen
die versteckte Kamera durch Berlin. Edmund Meisel schrieb die Musik,
und die Uraufführung fand am 23. September 1927 im Tauentzien Palast
der Metropole statt. Erstmals kam bei dem Orchester auch ein
Chronometer zum Einsatz, der für die perfekte Übereinstimmung von
Film und Musik verantwortlich war, wobei diese mit Sprachfetzen und
Geräuschen gemischt war. Von der Originalmusik existieren keine
Aufnahmen.
    
    Schadt vergleicht die Art der Beobachtung und Wahrnehmung von
Ruttmann mit dem der "Straßenfotografie" und nimmt auf die frühe
Fotografie von Heinrich Zille, August Sander und Lee Friedländer
Bezug. Bildästhetisch hat sich Schadt der Reduktion von
filmtechnischen Mitteln verschrieben. Er will keine extremen
Brennweiten und kein zusätzliches Licht einsetzen, verzichtet auf
Schienen für Kamerafahrten und konzentriert sich auf die
Bildgestaltung. Der Schnitt erzeugt Bewegung und Dynamik, der
Rhythmus teilt sich über die musikalische Struktur mit. Originaltöne
sollen nicht vorkommen. Gedreht wird durchgängig mit einer
35mm-Arri-2c-Kamera. Schadts Motiv ist die Stadt. "In Berlin", sagt
er, "finden sich davon die meisten Facetten." Verschiedene Themen
soll das Remake erfassen, z.B. Szenen aus dem Alltag: "Menschen gehen
zur Arbeit", "sie kehren in Bars und Clubs ein" oder "sie besuchen
Kaufhäuser" aber auch Bilder, die die Geschichte Berlins
repräsentieren, wozu z.B. "Topografie des Terrors" oder die
"Mauerreste" gehören. Ihren Platz wird auch die Architektur Berlins
mit dem "Reichstag" oder den "Leerflächen" haben und die Events der
Stadt wie z.B. die "Love-Parade" oder die "Filmfestspiele".
    
    Nicht weniger anspruchsvoll sind die musikalischen Ambitionen der
Neuinterpretation "Berlin: Sinfonie einer Großstadt". Mit Iris ter
Schiphorst und Helmut Oehring hat der SWR zwei zeitgenössische
Vertreter der "Neuen Musik" mit hohem Ansehen gewonnen. Iris ter
Schiphorst (1956) absolvierte eine klassische Pianistinnenausbildung
und machte sich auch als Sample-Keyborderin mit Bühnenmusiken,
Installationen und Performances einen Namen. 1990 gründete sie das
"Ensemble intrors", erhielt mehrere Stipendien und Förderungen durch
das Künstlerinnenprogramm, war 1992 Preisträgerin des 3.
Kompositionswettbewerbs für Synthesizer- und Computermusik und 1997
Gewinnerin des internationalen Kompositionswettbewerbes "Blaue
Brücke". Helmut Oehring (1961) wurde als Sohn gehörloser Eltern
geboren und wuchs mit der Gebärdensprache auf. Er ist als Autodidakt
zur Musik gekommen und begreift sich bei der Verbindung von Gebärden-
sowie anderer Laut- und Intrumentalsprachen als
"Geschichtenerzähler". Er erhielt seit 1990 zahlreiche Preise, u.a.
den Hanns-Eisler-Preis des Deutschlandsenders Kultur (1990), den
Orpheus-Preis Italien (1996), den Hindemith-Preis für das bisherige
Kulturschaffen (1997) und den Schneider-Schott-Musikpreis (1998).
Beide wohnen in Berlin, kennen die Stadt aus der westlichen und
östlichen Perspektive. Ihr sinfonisches Konzept ist es, die
Überlagerung von Mikro- und Makrostrukturen im Sprechen und Atmen der
Stadt hörbar zu machen. Gemeinsam komponieren bedeutet für sie
letztlich: "sich auf die Stimmes eines anderen zu verlassen,
einzulassen." Für das Klangkonzept und seine Realisierung sowie das
Sounddesign ist Torsten Ottersberg (GOGH surround music production)
zuständig.
    
    Der Dirigent Roland Kluttig hat an der Musikhochschule Dresden
sowie bei Peter Eötvös, John Eliot Gardiner und Sylvain Cambreling
studiert und wurde mit verschiedenen Preisen und Stipendien (u.a.
Herbert Karajan Stiftung, Akademie Schloss Solitude und Deutscher
Musikrat) ausgezeichnet. Durch die Zusammenarbeit mit renommierten
Ensembles für Neue Musik (ASKO Amsterdam, London Sinfonietta,
Klangforum Wien) sowie durch Uraufführungen u.a. bei den Berliner
Festwochen und der Münchner Bienale hat er sich als Interpret
zeitgenössischer Musik international einen Namen gemacht. In seine
Zeit als musikalischer Leiter des "Kammerensembles Neue Musik Berlin"
(1993-1998) fällt seine erste Zusammenarbeit mit Helmut Oehring. Im
letzten Jahr trat er erstmals bei den Donaueschinger Musiktagen
zusammen mit Sylvain Cambreling und dem SWR Sinfonieorchester auf.
Seit der Spielzeit 2000/2001 ist er als musikalischer Assistent von
Lothar Zagrosek am Staatstheater Stuttgart tätig.  
    
    Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg hat sich u.a.
durch über 400 Uraufführungen und seine seit 50 Jahren bestehende
Zusammenarbeit mit den "Donaueschinger Musiktagen" den Ruf eines der
international besten Orchester für zeitgenössische Musik erworben.
Das Orchester selbst sieht sich allerdings nicht als
Spezialorchester, denn sein Repertoire umfasst die gesamte
programmatische Bandbreite eines Rundfunkorchesters. Die
herausragende Qualität des Klangkörpers haben die Musiker in über 70
Tourneen und an allen wichtigen Festspielen (z.B. Paris, Salzburg,
Wien, Berlin, Edinburgh oder New York) unter Beweis gestellt. Zu
seinen Dirigenten zählten u.a. Hans Rosbaud, Ernst Bour oder Pierre
Boulez. Seit der Spielzeit 1999/2000 steht Sylvain Cambreling als
Chefdirigent an der Spitze des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und
Freiburg. Seine Vorgänger Michael Gielen und Hans Zender sind
ständige Gastdirigenten beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und
Freiburg.
    
    "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" wird von teamWorx/Odyssee-Film
als Auftragsproduktion des SWR gemeinsam mit ARTE und Telepool
produziert. Gefördert wird das Projekt durch die Bundesstiftung Film,
den Filmboard Berlin-Brandenburg und die Medien- und Filmgesellschaft
Baden-Württemberg. Im SWR zeichnet die Hauptabteilung Fernsehkultur
unter Dr. Christoph Hauser verantwortlich, die redaktionelle Leitung
liegt Dr. Gudrun Hanke-El Ghomri und Peter Latzel. Der
SWR-Fernsehspielchef Dr. Dietrich Mack hat die musikalische Beratung
übernommen. Die Produktionsleitung teilen sich Lisl Breuer von
teamWorx und Jochen Dickbertel vom SWR.
    
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ots Originaltext: SWR
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