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Südwestrundfunk (SWR) "Politik ist eine Sucht" Interview mit Jürgen Leinemann, Autor der SWR-Dokumentation "Politik. Macht. Sucht."

    Baden-Baden (ots) - Interview mit Jürgen Leinemann, Autor der SWR-Dokumentation "Politik. Macht. Sucht.", die am 19. September 2007, um 23.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird. Leinemann äußert sich zum Phänomen "Sucht in der Politik".

    Frage: "Ist der Kampf um die Wiederwahl für jeden Politiker sein Ein und Alles?" Jürgen Leinemann: "Den Preis bestimmt jeder selbst. Es gibt auch Politiker, die sagen: Der Preis ist mir zu hoch, ich höre auf. Ein Preis ist beispielsweise die Arbeitsbelastung. Es ist ja nicht wahr, dass Politiker wenig arbeiten. Politiker arbeiten viel. Dazu kommen natürlich die Einsamkeit, die entsteht, und das Misstrauen, mit dem sie sich wappnen gegen die Gefahr, dass unentwegt jemand ihren Job will. Schließlich vernachlässigen sie ihr Privatleben und kappen ihre sozialen Bezüge. Dies alles sind Symptome, die jeder Süchtige kennt. Sie entstehen bei nicht-stofflichen Drogen genauso, wie bei Alkohol und Medikamenten."

    Frage: "Handelt es sich um einen ein Mechanismus in der Politik, den Sie beschreiben?" Leinemann: "Begriffe wie Machtrausch und Machtsucht sind ja nicht in den letzten zehn oder 15 Jahren erfunden worden. Das Gefühl, dass man sich dagegen schützen muss, hat mit der Demokratie ein Regelsystem geschaffen, das identisch ist mit institutionalisiertem Misstrauen in die Schwäche des Menschen. Das Fernsehen schuf eine neue Form von Droge. Es erlaubt unentwegt jedem Politiker, sich zu vervielfältigen. Vom Fernsehen bekommt er stets zurückgemeldet, wie bedeutend er ist. Gegen diese neue Droge hat das Regelwerk der Demokratie bisher noch keinen wirklichen Schutz. Dagegen müssen sich Politiker selber wappnen."

    Frage: "In welchem Zustand befindet sich, Ihrer Meinung nach, Deutschland zurzeit?" Leinemann: "Was ich erlebe, wenn ich über mein Buch (Anm.: "Höhenrausch") mit Leuten rede und diskutiere, ist, dass Politiker und Medien zusammen, dabei sind, ein Bild einer Welt zu vermitteln, in dem sich die Bürger nicht mehr wiederfinden."

    Frage: "Medienoper Wildbad Kreuth. Stimmt diese Einschätzung?" Leinemann: "Die Vorfälle in Wildbad Kreuth waren ein sehr schönes Exempel dieser sonderbaren Kombination von extremer Abgehobenheit und gleichzeitiger Abhängigkeit von der Basis. Die Politiker, die ja ihrerseits unter ständiger Medienberieselung stehen, haben immer versucht, das, was sie tun, zu rechtfertigen und zu erklären. Und am Schluss kam offenkundig etwas zustande, was überhaupt nicht mehr verständlich war. Die Eigenwirklichkeit, die in solchen abgeschlossenen Prozessen entsteht, macht die Politiker unsicher. Immer wieder wird diese Unsicherheit in faktischen Zwischenstationen nach draußen transportiert, erzeugt ein Echo, das dann wieder reinkommt. Das ergibt eine Automatik, die alle Beteiligten unfrei lässt, ihren Bewegungsspielraum einengt und Unglaubwürdigkeit erzeugt."

    Frage: "Wie stark ist Ihrer Meinung nach das Suchtverhalten von Edmund Stoiber ausgeprägt?" Leinemann: "Ich halte Stoiber für einen Politiker, der in zu großem Maße seine Existenzberechtigung aus seiner Tätigkeit bezieht. Und damit ist er suchtgefährdet, um es milde auszudrücken. Er wird das sicherlich bestreiten. Er wird immer sagen, dass er die Freiheit hat zu entscheiden, ob er weitermacht oder nicht. In Wahrheit ist ihm diese Freiheit längst genommen, und man wird jetzt sehen, wie er mit dem Entzug fertig wird."

    Frage: "Ihr Buch beinhaltet ein sehr persönliches Kapitel zum Thema Sucht. Sie haben es in Bezug zu der Sucht gestellt, von der wir jetzt bei Politikern sprachen." Leinemann: "Meine natürlichen Versagensängste versuchte ich, durch Alkohol zu bekämpfen und schließlich bin ich dieser Droge erlegen. Ich stand vor der Entscheidung, daran zu zerbrechen oder aufzuhören und habe die Sucht überwunden. Das ist über 30 Jahre her und im Prozess des Entzugs lernte ich eine Menge über mich und Sucht. Ich habe anschließend wieder angefangen zu arbeiten und bemerkte, dass das, was ich an mir selber erlebt habe, um mich herum immerzu passierte. Mir fiel auf, dass ich in der Politik mit Leuten zu tun hatte, die offenkundig die gleichen Ängste hatten. Sie brauchten diesen Job genauso wie ich meinen, um ihre eigene Bedeutung zu unterstreichen. Die Politiker werden durch diesen Betrieb in unfreie Verhaltensweisen gedrängt und verlieren auf diesem Weg immer mehr die eigentlichen Ziele aus dem Auge. Schließlich strampeln Sie, um einfach nur im Spiel zu bleiben. Diesen ganzen Prozess nenne ich, aus meiner Erfahrung, Sucht. Nach diversen Gesprächen mit Politikern, Suchttherapeuten und Ärzten bin ich sicher, dass das tatsächlich ein Suchtverhalten ist. Nach dem Erscheinen meines Buches kamen direkt hochinteressante Reaktionen. Besonders jüngere Politiker sind sehr alarmiert, weil sie früh diesen Trend spüren. Von den Etablierteren hat sich am dringlichsten Horst Seehofer mit dem Thema auseinandergesetzt. Für Seehofer ist klar - Politik ist eine Sucht. Nach seiner schweren Krankheit 2002 realisierte er, dass er bis an den Rand des Todes weiter an seinem politischen Job gehangen und sich selber dabei fast zerstört hätte. Er sagte: 'Ich habe erkannt, dass Politik eine Droge sein kann.' Ich denke, er sieht, dass er wieder in Gefahr ist."

    Frage: "Die Höllenhunde, die kommen - der Entzug - wie hat man sich diesen Prozess vorzustellen?" Leinemann: "Der Entzug, wie ich ihn mir von Politikern habe beschreiben lassen, der ist - du sitzt da und wartest auf einen Anruf, dass irgendjemand dich noch haben will, dass du noch gebraucht wirst, dass du wichtig bist. Du hast das Gefühl, es grüßt dich keiner mehr. Die Wahrheit ist, es grüßen dich auch viele nicht mehr. Die Menschen mit den Kameras laufen an dir vorbei - vorbei zu deinem Nachfolger. Was immer du vorher auf anderen Gebieten gewesen sein magst, in dem Augenblick, in dem du dieses politische Amt verloren hast, das dir das Gefühl gab, du bist ein Rädchen im Uhrwerk der Geschichte, wird alles andere nichtig."

    Die Fragen stellte Victor Grandits.

    "Politik. Macht. Sucht." Ein Film von Jürgen Leinemann und Victor Grandits, am 19. September 2007, 23.45 Uhr, im Ersten. Weitere Informationen auch unter www.swr.de

    Redaktion: Dr. Thomas Leif, Tel.: 06131/929-3504, der Ihnen auch für Fragen zur Verfügung steht.

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