SWR - Südwestrundfunk

Südwestrundfunk (SWR): Ausstellung "Körperwelten" rechtlich und ethisch fragwürdig
Kritik des ehemals obersten deutschen Richters in 3sat-Dokumentation des SWR

    Baden-Baden (ots) - In einem Fernsehinterview mit dem
Südwestrundfunk (SWR) hat der ehemalige Präsident des
Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Ernst Benda, die rechtlichen und
ethischen Grundlagen der Ausstellung "Körperwelten" als fragwürdig
bezeichnet. Seine kritischen Äußerungen werden am Mittwoch, 5. Januar
2000, um 21 Uhr im nationalen Kulturkanal 3sat gesendet, in der
SWR-Dokumentation "Die Leichen-Show in Basel - Eine Wanderausstellung
an den Grenzen von Recht und Moral". Nach Ansicht von Benda ist die
Ausstellung des Heidelberger Plastinators Dr. Gunther von Hagens, die
jetzt in Basel zu Ende geht und danach in Köln zu sehen sein wird,
nicht nur "geschmacklos", sondern "eigentlich für Menschen nicht
zumutbar".
    
    Der ehemals oberste deutsche Richter geht in dem SWR-Interview vor
allem auf zwei Aspekte ein: 1.) auf die Menschenwürde des
Ausgestellten beziehungsweise zukünftiger Körperspender und 2.) auf
das Verhalten von Zoll und Ordnungsbehörden beim Import der Leichen
nach Deutschland.
    
    Zu 1.): Im Unterschied zu dem, was der Initiator der Ausstellung,
der Heidelberger Plastinator Dr. Gunther von Hagens behauptet, sei
die Leiche keine Sache, sondern stehe unter einem besonderen Schutz.
Es gebe auch ziemlich präzise Vorschriften, was mit einer Leiche zu
geschehen habe, insofern habe der Einzelne kein Verfügungsrecht über
seinen Körper, so Benda. Es sei daher ein rechtlicher Irrtum
anzunehmen, der Einzelne könne frei über seine Leiche verfügen. Davon
gebe es nur zwei Ausnahmen, die Organspende und die Körperspende für
die Wissenschaft, also die Anatomischen Institute. Benda bezweifelt,
dass die Ausstellung des "Anatomie-Künstlers" von Hagens unter diese
Definition fällt, nachdem, was er gesehen und gehört habe. Die
Ausstellung sei zwar bislang - "offenbar unbeanstandet" - in Mannheim
und in anderen Städten gelaufen, aber für den Staat könne es den Satz
"Wo kein Kläger, da kein Richter" nicht geben. Der Staat habe
natürlich Verpflichtungen. Wenn es Anhaltspunkte für die Befürchtung
gebe, dass die Würde des Menschen verletzt oder beeinträchtigt werde,
seien die zuständigen Stellen verpflichtet, den Vorgang zu
untersuchen. Da die Ausstellung direkt nach Basel jetzt in die
Domstadt Köln ginge, sei "vielleicht eine zweite Überlegung
notwendig". Benda hält es im übrigen für einen "eigenartigen,
makaberen Vorgang, dass der Gesetzgeber erst kürzlich dem Tier den
Charakter als Sache genommen und es als Mitgeschöpf des Menschen
unter einen besonderen Schutz gestellt habe, und dass zugleich durch
diese Ausstellung wieder der menschliche Körper zur Sache gemacht
werde".
    
    Zu 2.): Als "besonders merkwürdig" und "seltsam" beurteilt Benda
das Verhalten der Zollbehörden, die den Import von Leichen aus
Kirgisien und China für von Hagens privates Heidelberger "Institut
für Plastination" zu regeln hatten. Weil "Leichen" im
Zolltarif-Handbuch nicht zu finden waren, wurden die toten Menschen
in den Metallkisten als "tote Tiere, zum Verzehr ungeeignet"
klassifiziert. Hier hätte nach einem Leichenpass gefragt werden
müssen, um sicherzustellen, dass alles mit rechten Dingen zugehe,
also zum Beispiel um auszuschließen, dass die Leichen das Produkt
einer strafbaren Handlung sind.
    
    In dem SWR-Dokumentarfilm wird auch die neueste Regelung der
obersten Zollbehörden kritisiert, die importierten Leichen als
"menschliche Rohware für anatomische Zwecke" zu behandeln. Damit
hätten die Leichen nämlich die letzten Rechte verloren; der
Plastinator von Hagens müsse in Zukunft nicht einmal mehr einen
Leichenpass vorlegen, wenn er ganze Lkws voller Leichen nach
Deutschland (oder aus Deutschland heraus) schaffe. Da von Hagens ein
permanentes Plastinations-Museum (ein "Menschenmuseum") plane, sei in
Zukunft mit besonders viel Im- und Export solch "menschlicher
Rohware" zu rechnen, befürchten Kritiker.
    
    Die Ausstellung "Körperwelten" geht am 5. Januar 2000 in Basel zu
Ende und wird dann auf dem Kölner Heumarkt in der Altstadt, in
Sichtweite des Doms, gezeigt werden. Die Stadt Düsseldorf hatte zuvor
die Bewerbung der "Körperwelten" für das NRW Forum für Wirtschaft und
Kultur abgelehnt. Basel war die bisher 3. "Körperwelten"-Stadt in
Europa, nach Mannheim (800.000 Besucher) und Wien (550.000 Besucher).
Bis zum Ende der Ausstellung haben fast 600.000 Besucher,  vor allem
aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich die Basler Schau besucht.
    
    Sendung am 5. Januar 2000, von 21.00 bis 22.00 Uhr in 3sat:
    "Die LeichenShow in Basel  - Eine Wanderausstellung an den Grenzen
von Recht und Moral"
    
    
ots Originaltext: SWR
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