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01.08.2005 – 11:00

CARE Deutschland e.V.

Niger: Hilfen laufen zu langsam an

    Bonn (ots)

Bonn. Nach seiner Rückkehr von einer Erkundungsreise in den Krisenstaat NIGER erklärte das Vorstandsmitglied von CARE International Deutschland e.V.,

    Staatssekretär a.D. HERIBERT SCHARRENBROICH, am 1. August 2005 vor der Presse in Bonn:

    Die Hilfen für die in Niger hungernden Menschen laufen viel zu langsam an. Es ist nicht nur zu fragen, warum die Weltöffentlichkeit die Hilfeaufrufe so spät zur Kenntnis genommen hat. Wir werden in einigen Wochen gefragt werden: "Warum hat es danach noch immer so lange gedauert, bis die Hilfen eintrafen?" Außerdem müssen jetzt bereits die Weichen  für eine langfristige Vermeidung derartiger Hungersnöten gestellt werden.

    Das ist die wichtigste Erkenntnis meiner Erkundungsreise, die ich vom 26. bis 30. Juli nach Niger mit unserem Nothilfekoordinator Wolfgang Tyderle unternommen habe.

    DIE HUNGERSTATISTIK IST ALARMIEREND

    Auch wenn nicht jede statistische Angabe unter den gegeben Verhältnissen bis auf die letzte Zahlenstelle überprüft werden kann, gehen wir von folgendem Bild aus:

    - In Niger ist derzeit jeder dritte Einwohner von der Hungersnot betroffen (3,6  von 12 Millionen Einwohnern.) - Die Gesundheit von 874.000 ist durch Hunger extrem bedroht, sie erhalten kostenlose Nahrungshilfen. - Vor allem Kinder sind betroffen. 800.000 Kinder sind unterernährt, ca. 150.000 lebensbedrohlich. - Mindestens 12.000 Tonnen Getreide (vor allem Hirse) werden jetzt für die nächsten Monate benötigt - zur freien Verteilung an die Hungernden. Hinzu kommt eine etwa doppelt so große Menge zur Auffüllung der Lager, um die zu erwartenden Ernteerträge ausreichend aufstocken und die Preistreiberei  bekämpfen zu können. - Auf dem freien (inländischen)  Markt sind die Preise für Lastwagentransporte und Hirse extrem gestiegen. Hirse wird z.B. überwiegend im benachbarten Nigeria eingekauft und zwar für 60 EUR/100 kg. Der normalerweise zu zahlende Preis beträgt 22 EUR, hat sich also fast verdreifacht. - Das Welternährungsprogramm (WFP) hat bis jetzt erst 5.000 t Hirse ins Land bringen können, die zur Verteilung bereit stehen. CARE wird die Verteilung von 3000 t übernehmen, wie von WFP erbeten. - 11.000 t Hirse sollten per Schiff am 25. Juli in Cotonou  (Benin) ankommen, die Ankunft ist mittlerweile erst für das Ende dieser Woche angekündigt. Weitere 12 500 t sollen eine Woche später eintreffen. Bis diese Hilfen vor Ort sind, wird weitere Zeit ins Land gehen. Diese Getreidemengen werden von der nationalen Nahrungsmittelreserve eingeführt. Ohne erfahrene Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO) wie CARE hätten die Hilfsmaßnahmen wenig Chancen, bei den Bedürftigen anzukommen. - Das Welternährungsprogramm (WFP) will 20.000 bis 40.000 Tonnen Getreide zu Verfügung stellen. - CARE hat bis jetzt bereits für 500.000 EUR Getreide verschenkt.

    CARE STELLT HILFEN UNMITTELBAR ZUR VERFÜGUNG

    Die Zahl der Kinder, die medizinischer Betreuung bedürfen, steigt ständig.  In der größten Behandlungsstation von Ärzte ohne Grenzen, die wir in der Provinzhauptstadt Maradi besuchten, wurden vorletzte Woche 989 Kinder aufgenommen; in der letzten Woche dürften es 1.200 gewesen sein. Tendenz steigend.

    Um dieser Tendenz entgegen zu wirken, um also die Zahl der durch Hunger gesundheitlich gefährdeten Kinder zu reduzieren, wird CARE International Deutschland unserem Länderbüro in Niger aus Spendenmitteln zunächst kurzfristig 100.000 EUR zu Verfügung stellen. Damit soll Zusatznahrung für Kinder und Schwangere sowie stillende Mütter möglichst im Land gekauft werden können. Wir haben die Bundesregierung gebeten, dazu weitere Unterstützung zu geben. Wir wollen also nicht warten, bis unsere Überweisung durch Spenden gedeckt ist.

    NOCH VOR DER ERNTE IST HANDELN ERFORDERLICH

    Die Ernte beginnt erst in der zweiten  Septemberhälfte. Bis dahin sind die hungernden Menschen fast ausschließlich auf Nahrungsmittelverteilung angewiesen. Die Lager, auch die kleinen Silos der sog. Getreidebanken (cereal banks), sind leer. Das Vieh ist unterernährt bzw. oft geschlachtet, verkauft oder verendet. Ähnliches gilt für die Ziegenherden.

    Auch wenn noch ausreichend Regen fallen sollte, wird die Ernte knapper ausfallen als zu normalen Zeiten: Vielfach wurde in der Not das Saatgut aufgegessen. Und etwa 2/3 der Bauern sind so geschwächt, dass sie die Ernte nicht wie gewohnt einbringen können.

    In manchen Hungergebieten habe die Bauern schon Teile ihrer Ernte verkauft, obwohl die meisten Bauern normalerweise die Ernte überwiegend für den Eigenverbrauch benötigen.

    - Das alles hat Langfristfolgen: Viele, die jetzt hungern, können nicht soviel Hirse ernten, dass sie davon bis zur Ernte 2006 leben; - den Viehbestand zu reproduzieren, wird mehrere Jahre dauern; - von der bescheideneren Ernte werde die Bauern zu viel verkaufen müssen,  um zu Bargeld zu kommen;

    ERSTE CHOLERAFÄLLE UNTERSTREICHEN DRINGLICHKEIT

    Die Dringlichkeit der Hilfe wird unterstrichen durch die jetzt bekannt gewordenen ersten Cholerafälle. Die Menschen essen - für sie eigentlich ungenießbare - Pflanzen. Wir haben eine Verteilung von Hirse in einem Dorf mit 87 Familien erlebt, in dem noch nie eine Hilfsleistung angekommen war. Als CARE davon erfuhr, haben wir gehandelt, obwohl das Dorf nicht im Verteilplan von CARE stand. Die Menschen haben uns das Gras gezeigt, mit dem sie Ihre Mägen gefüllt haben. Mit Salz haben sie es genießbarer, aber nicht verträglich machen können. Schwere Diarrhö war die für viele Kinder gefährliche Folge.

    NIGER BRAUCHT LANGFRISTIGE HILFE

    Die Schwere der Krise wird dadurch bestätigt, dass zum ersten Mal Getreide kostenlos verteilt wird. Die - oft berechtigte - Sorge jetzt zu äußern, dass dadurch landwirtschaftliche Strukturen im Lande selber zerstört würden, wäre nicht nur zynisch, sondern ist zunächst unberechtigt. Die Verteilaktion drückt allenfalls die Hirsepreise wieder in die Nähe des normalen Marktpreises.

    Wir wollen und dürfen uns aber nicht damit abgeben, dass sich solche Hungerkrisen regelmäßig einstellen, wie das in Niger wiederholt der Fall war. Hungersnöte sind vermeidbar, auch in Ländern mit einem so rasanten Bevölkerungswachstum, wie Niger es zu verzeichnen hat (3,6 %).

    Die  Entwicklungszusammenarbeit von CARE International Deutschland mit den Tuareg bestätigt das. Unsere Zusammenarbeit mit der Tuareg-Organisation HED-Tamat, unterstützt vom BMZ, führte u. a. zum Bau neuer Trinkwasser- und Vieh-Brunnen, Gartenanlagen, Gesundheitsstationen, Schulen im Norden des Landes (Provinz Agadez). Es kann festgestellt werden, dass die Krise in dieser Region nur in einigen besonderen Brennpunkten das gleiche Ausmaß wie in vergleichbaren Regionen des Südens hat.

    CARE International Deutschland wird die eingehenden Spenden zunächst für das Überleben der Menschen und insbesondere der gefährdeten Kinder, Schwangeren und alten Menschen einsetzen.

    Darüber hinaus werden die zweckgebundenen Spenden und öffentlichen
Entwicklungsgelder zur Verstärkung unserer Maßnahmen der Ernährungs-
und Einkommensverbesserung verwendet. Je mehr Spenden wir erhalten,
umso nachhaltiger wird unsere Entwicklungszusammenarbeit zur
Vermeidung von Hunger, Krankheit und Analphabetismus      (über 80 %)
beitragen können.

    Seit dreißig Jahren arbeitet CARE in Niger - und nicht erst, seitdem in den vergangenen Tagen die Spenden für Niger in größerem Umfang eingehen. Ich möchte allen unseren Spendern im Namen der Menschen danken, denen wir so helfen konnten und auch zukünftig helfen werden.

    Spendenkonto 4 40 40 Sparkasse KölnBonn (BLZ 380 500 00) Onlinespenden unter www.care.de Stichwort: Hungerhilfe Westafrika

Für Rückfragen und die Vermittlung von Gesprächspartnern steht unsere Pressestelle zur Verfügung:

Christian Worms, stellv. Pressesprecher: Tel.  0228 / 97563-23; mobil: 0163 / 6250466 Sandra Bulling, Assistentin der Pressestelle: Tel. 0228 / 97563-46; mobil: 0163 / 2855464

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