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Abbott vermarktet neues HIV/Aids-Medikament nicht in ärmeren Ländern

    Lagos/Berlin/New York (ots) - HIV/Aids-Patienten in ärmeren Ländern wird der Zugang zu neuen Medikamenten weiter vorenthalten, kritisiert die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Aktuelles Beispiel dafür ist die neue Version eines Medikamentes des Herstellers Abbott. Die neue Formulierung des Kombinationspräparates (Lopinavir/Ritonavir) ist im Gegensatz zur alten Version hitzebeständig und kann unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Doch obwohl das in Deutschland hergestellte Mittel dringend in Afrika, Asien und Lateinamerika benötigt würde, ist es bislang nur in den USA erhältlich.

    Ärzte ohne Grenzen wird die neue Version von Lopinavir/Ritonavir nun direkt im Hauptsitz von Abbott Laboratories in Chicago (USA) bestellen, um damit Patienten in ärmeren Ländern zu behandeln. Bei Temperaturen von regelmäßig 40 Grad Celsius und mit mehreren Stromausfällen täglich können Patienten in Ländern wie beispielsweise Nigeria die alte Version des Medikamentes oft nur unter schwierigen Umständen verwenden. Ibrahim Umoru, Patient im HIV/Aids-Programm von Ärzte ohne Grenzen in Lagos (Nigeria), lagert die alte Version von Lopinavir/Ritonavir in einer Klinik weit weg von seinem Zuhause. "Ich kann mir keinen Generator leisten, der groß genug ist, um einen Kühlschrank zu betreiben. Und ohne einen Kühlschrank verwandeln sich die Kapseln in Klumpen, die aussehen wie benutzter Kaugummi."

    Im November 2005 hat Abbott die neue Version des Proteaseinhibitors Lopinavir/Ritonavir in den USA auf den Markt gebracht. Ärzte ohne Grenzen fragte an, ob und zu welchem Preis das Mittel in ärmeren Ländern erhältlich sein würde. Abbott verwies darauf, erst auf eine Zulassung in der Europäischen Union zu warten, um dann Anträge auf Zulassung in Entwicklungsländern zu stellen. Dies kann eine jahrelange Verzögerung für jene Patienten bedeuten, die von dem Medikament am meisten profitieren. Abbott hatte das Mittel unter dem Namen Kaletra® seit 2000 vermarktet, doch die alte Version besteht aus einer Kapsel aus Softgel. Dies bedeutet die Einnahme von vielen Tabletten täglich abhängig von der Nahrungsaufnahme, sowie das Lagern im Kühlschrank in heißen Regionen.

    Lopinavir/Ritonavir ist ein wichtiges Medikament in der Aids-Behandlung, wenn sich Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Therapielinie entwickeln und diese somit ihre Wirkung verlieren. Dies tritt nach gewisser Zeit auch nach regelmäßiger Einnahme der Medikamente ein. So benötigen beispielsweise in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen bereits 16 Prozent der Patienten nach vierjähriger Behandlung eine zweite Therapielinie. Diese Zahlen zeigen, dass bereits heute ein Bedarf an neueren Medikamenten besteht und dieser wachsen wird.

    Ärzte ohne Grenzen bestellt das verbesserte Präparat nun für Projekte in Guatemala, Kamerun, Kenia, Malawi, Nigeria, Simbabwe, Südafrika, Thailand, und Uganda. Nach  Angaben von Experten kann die neue Version billiger produziert werden als die alte. Daher fordert Ärzte ohne Grenzen, dass das Mittel zum niedrigstmöglichen Preis verkauft wird. Die Kosten dürfen dabei nicht die Höhe des Preises (500 US-Dollar) überschreiten, den Abbott in einigen Entwicklungsländern für die alte Version verlangt. Derzeit kostet die Therapie mit dem neuen Mittel 9.687 US-Dollar pro Patient und Jahr.

    In einem Brief an den Geschäftsführer von Abbott fordern prominente Wissenschaftler und Aids-Organisationen von dem Unternehmen, die neue Version von Lopinavir/Ritonavir umgehend den Patienten in ärmeren Ländern zur Verfügung zu stellen. Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit 60.000 HIV/Aids-Patienten in 29 Ländern mit antiretroviralen Medikamenten.

Kontakt:
Pressestelle, Kattrin Lempp,
Tel.: 030-22 33 77 00
http://www.aerzte-ohne-grenzen.de

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