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26.05.2003 – 15:58

NDR Norddeutscher Rundfunk

Von Hildesheim nach Fidschi: Klaus Scherer auf den Spuren einer tragischen Familiengeschichte "Zwischen Zuckerrohr und Palmen: Unterwegs auf den Fidschi-Inseln":

Hamburg (ots)

Mittwoch, 28. Mai, 21.45 Uhr, NDR Fernsehen
Mitte März sendete das Erste die Reportage "Zwischen Zuckerrohr
und Palmen: Unterwegs auf den Fidschi-Inseln". Anschließend erreichte
Klaus Scherer, ARD-Korrespondent für Fernost und Studioleiter in
Tokio, ein Brief: Ein Zuschauer hatte ein Grab, das in dem Bericht zu
sehen war, als das seiner Großmutter identifiziert. Es entspann sich
ein Briefwechsel zwischen Scherer und dem Zuschauer aus Hannover -
der eine atemberaubende Lebensgeschichte offenbarte. Hier der Bericht
von Klaus Scherer:
Bertha Machens, gestorben 1892, ist nur 20 Jahre alt geworden. Die
Inschrift auf dem Stein ist noch gut lesbar. Der Zaun aus
Schmiedeeisen aber ist lückenhaft, vom Südseewind verwittert. Der
Blick vom Friedhof aus ist zeitlos schön: Von einem grünen Hang aus
schaut man hinunter auf das Meer, die Weite des Pazifiks bis zum
Horizont.
Der Grabstein mit dem deutschen Namen fand seinen Weg in die
Reportage "Zwischen Zuckerrohr und Palmen: Unterwegs auf den
Fidschi-Inseln". Den Namen der Toten hatte ich da schon vergessen.
Wochen später erreichte mich über die Redaktion in Hamburg dann die
Nachricht eines Zuschauers. Unser Film, schrieb er, zeige das Grab
seiner Großmutter, die in Levuka am Kindbettfieber gestorben sei,
kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes: "Mein Großvater, der in
der Stadt ansässig war, brachte seine beiden Kinder wenige Jahre
später nach Hildesheim zu seiner Schwester. Als ‚Kindermädchen' nahm
er einen Fidschianer mit, für dessen Rückkehr innerhalb eines Jahres
er eine erhebliche Kaution hinterlegen musste." Die neuen Gesetze zur
Vermeidung des Sklavenhandels hätten dies damals erfordert.
Da sich der Zuschauer, ein Volkswirt namens Florenz Müller-Machens
aus Hannover, um den Zustand des Grabes sorgte, schickten wir ihm das
komplette Drehmaterial vom Friedhof. "Vor zehn Jahren besuchte ich
das Grab, das wir instand setzen ließen", schrieb er weiter. "Auf der
Gemeindeverwaltung sagte man mir, die gemauerten Gräber der Europäer
blieben erhalten, der Friedhof werde von der Gemeinde gepflegt. Geld
wollte man nicht haben. Man sagte mir: Das sind wir den Menschen
schuldig, die hier begraben sind und denen wir viel verdanken."
Nun entwickelte sich ein neuer Briefwechsel - zwischen Tokio und
Hannover. Denn ich wollte wissen, wie denn sein Großvater auf die
Fidschi-Inseln kam. Ich erhielt folgende Antwort:
"Mein Großvater Conrad Machens, das neunte von elf Kindern eines
Landwirts in Ahrbergen bei Hildesheim", schrieb unser Zuschauer,
"ging in die kaufmännische Lehre bei einer Großhandelsfirma in
Hamburg. 1878 wanderte er mittellos nach Australien aus." Später habe
er dort ein Pferdegespann erworben und Goldgräbersiedlungen mit Waren
versorgt. "Nach einem schweren Unfall, bei dem die Bremsen des
Gespanns versagt hatten, ging er 1881 als Filialleiter einer
Niederlassung seiner alten Lehrfirma, der australischen Gesellschaft
Hedemann & Co., auf die Fidschis." Wieder erarbeitete sich der Mann
Wohlstand, wurde zunächst Teilhaber, dann Alleininhaber der
Fidschi-Dependance, betrieb Import und Export, Zuckerrohrplantagen
und schließlich eine Fischereiflotte.
Seine Braut, so Herr Müller-Machens, habe der Großvater auf einer
Reise in die Heimat kennen gelernt. Sie sei die Tochter des
Hildesheimer Friseurs und späteren Haarwasserherstellers Johannes
Sebald gewesen. Im Jahre 1889 hatten sie geheiratet, dann gingen sie
gemeinsam nach Levuka.
Jahre nach dem Tod seiner geliebten Gattin reiste Conrad Machens
im Mai 1914 wieder nach Hildesheim, zur Hochzeit seiner Tochter. Die
Rückreise aber wurde zur Odysee, die ihm wieder einmal alles nehmen
sollte. "Mein Großvater", schreibt sein Enkel, "war noch auf dem
Schiff, als der Erste Weltkrieg ausbrach: Der britische Gouverneur
der Fidschis musste ihn als Deutschen internieren, ließ ihm aber
Bewegungsfreiheit auf der Insel. Sein Vermögen wurde später
beschlagnahmt und enteignet." 1915 habe er sich heimlich als Matrose
eines Segelschiffes anheuern lassen und gelangte so über Amerika auf
ein Passagierschiff Richtung Dänemark. "Nördlich der Faröer Inseln
wurde der Dampfer von einem englischen Kriegsschiff aufgebracht.
Obwohl alle deutschen Passagiere das Schiff verlassen mussten, gelang
es ihm an Bord zu bleiben." Über Dänemark schlug er sich letztlich
durch bis zurück nach Hildesheim.
Und blieb für immer: "Mein Großvater ist danach nie mehr in die
Südsee gereist", schloss der Briefschreiber, "1930 starb er und wurde
in seiner Heimat begraben." Der Grabstein sei der gleiche wie der,
den wir so zufällig für unsere Reportage ausgewählt hatten. Conrad
Machens und seine Frau Bertha erhielten von ihren Nachkommen das
gleiche Grabmal. Eines in Hildesheim und eines in Levuka.
Fotos in Druckqualität gibt es unter www.ard-foto.de, Passwort
erhältlich über die NDR Fotoredaktion (Tel.: 040/4156-2306).
26. Mai 2003/IB
ots-Originaltext: NDR Norddeutscher Rundfunk
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Iris Bents

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