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21.05.2019 – 10:07

Kaufmännische Krankenkasse - KKH

Die Sucht kommt spielend

Die Sucht kommt spielend

Online-Gaming künftig eine Krankheit - KKH-Experte warnt vor Folgen der Abhängigkeit

Hannover, 21. Mai 2019 - Exzessives Computer- oder Video-Gaming steht aktuell immer wieder in der Diskussion, nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Online-Spielsucht in den neuen Katalog der Krankheiten (ICD-11) aufgenommen hat. Dieser soll in Kürze verabschiedet werden. Kritiker fürchten nun, dass Menschen, die viel online spielen, fälschlicherweise als therapiebedürftig eingestuft werden könnten. "Eine einheitliche Definition von Computerspiel- und Onlinesucht ist schwierig, allerdings gibt es klare Alarmzeichen für eine Abhängigkeit", sagt Michael Falkenstein, Experte für Suchtfragen bei der KKH Kaufmännische Krankenkasse. Dazu gehöre etwa, die Kontrolle über Häufigkeit und Dauer des Spielens völlig zu verlieren, das Spielen vor andere Aktivitäten zu stellen und auch bei negativen Konsequenzen weiterzumachen. Falkenstein: "Süchtig nach Online-Gaming ist jemand, der seine Familie und Freunde, die Schule oder die Arbeit vernachlässigt, der sich wegen des ständigen Spielens schlecht ernährt, kaum noch schläft, Hobbys und sportliche Aktivitäten sausen lässt."

Die häufigsten Gründe für exzessives Online-Spiel sind Stressbewältigung und Ablenkung. Besonders Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl nutzen die Games, um sich von Frust und Unsicherheit zu befreien. Sie genießen die virtuelle Unbeschwertheit, auch wenn das reale Leben derweil zusammenbricht. Laut des jährlichen Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung, der bereits 2016 den Schwerpunkt auf Onlinesucht gelegt hat, haben vor allem Online-Rollenspiele, Online-Shooter und Strategiespiele Suchtpotenzial. Diese Games können stark fesseln, denn die Übernahme einer Rolle ist meist mit einer starken Identifizierung verbunden. "Durch Erfolgserlebnisse im Rollenspiel werden zum Beispiel Misserfolge im Alltag kompensiert, da sie virtuell viel leichter als im echten Leben zu erzielen sind", erläutert der KKH-Experte. Die Betroffenen fühlen sich von der Rollenspiel-Gemeinde mehr geschätzt als von realen Personen und können sich leichter in virtuelle als in reale Gruppen integrieren.

Um exzessiv spielenden Patienten zu helfen, sei es vor allem wichtig, die Ursachen für die Sucht zu ermitteln, erläutert Michael Falkenstein. Das können etwa Depressionen oder soziale Angststörungen, aber auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sein. Solche Erkrankungen können eine Spielsucht auslösen, eine Spielsucht aber wiederum auch andere Erkrankungen wie Fettleibigkeit, verstärkter Alkohol- und Nikotinkonsum, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schlafstörungen, Rückenschmerzen und Augenprobleme. Bei diversen Krankheitsbildern, die häufig mit einem Computerspielzwang einhergehen, stellte die KKH von 2007 auf 2017 einen deutlichen Anstieg fest:

Depressionen: plus 43 Prozent, bei den 13- bis 18-Jährigen sogar plus 119 Prozent

Angststörungen: plus 55 Prozent, bei den 13- bis 18-Jährigen sogar plus 76 Prozent

Schlafstörungen: plus 60 Prozent, bei den 19- bis 29-Jährigen sogar plus 89 Prozent

Rauschtrinken: plus 37 Prozent, bei den 30- bis 34-Jährigen sogar plus 73 Prozent

Tabaksucht: plus 88 Prozent

"Es müssen immer viele Kriterien zutreffen, um von einer Abhängigkeit zu sprechen", sagt Falkenstein. Allerdings könne die Aufnahme der Online-Spielsucht in den Katalog der Krankheiten auch eine Chance sein, das Thema zu enttabuisieren: "Möglicherweise holen sich Betroffene dann eher Hilfe, denn die Scham ist oft groß und der Weg zur Einsicht lang."

Daran merken Sie, dass Sie süchtig nach Online-Spielen sind:

- Wenn Sie zwischenmenschliche Beziehungen, Ihre Hobbys, Ihre Wohnung und sich
  selbst für Ihr Online-Spiel vernachlässigen.   
- Wenn Sie Schule, Ausbildung oder Arbeit wegen des Online-Spielens gefährden 
  und trotz Konflikten exzessiv weiterspielen.   
- Wenn Sie nur ans Computerspielen denken, auch wenn Sie nicht vor dem PC 
  sitzen.   
- Wenn Versuche, weniger oder gar nicht mehr zu spielen scheitern.   
- Wenn Sie Online-Games als Kanal nutzen, um negative Gefühle wie Stress, Wut 
  oder Einsamkeit zu verdrängen.   
- Wenn es zu Entzugssymptomen kommt, wenn nicht gespielt werden kann, etwa zu 
  Unruhe, Gereiztheit, Schweißausbrüchen.   
- Wenn Sie Familienmitgliedern, Therapeuten oder andere Personen belügen, um 
  spielen zu können und um das wirkliche Ausmaß des Online-Spielens zu 
  vertuschen.    

Das können Betroffene tun:

- Setzen Sie feste Regeln für die Computernutzung, zum Beispiel mit 
  Zeitsperren. Stellen Sie etwa einen Wecker, der Sie nach einer bestimmten Zeit
  ans Aufhören erinnert, oder führen Sie ein Computertagebuch.   
- Planen Sie Dinge für die Zeit, die Sie offline sind, etwa Sport, Freunde 
  treffen, Ausgehen.   
- Vertrauen Sie sich jemandem an, der Sie in Ihrem Vorhaben unterstützt, 
  weniger zu spielen (Familienangehörige, Freunde, Lehrer oder Ausbilder).   
- Finden Sie heraus, warum der PC in Ihrem Leben so wichtig geworden ist.    
- Holen Sie sich Hilfe, etwa bei einem Experten in einer Suchtberatungsstelle 
  oder in einer Selbsthilfegruppe. Informationen erhalten Sie etwa unter 
  erstehilfe-internetsucht.de/hilfsangebote-finden sowie unter 
  caritas.de/suchtberatung. "In einigen psychiatrischen Kliniken gibt es darüber
  hinaus spezielle Ambulanzen für Online- und Internetsucht", ergänzt Michael 
  Falkenstein.    

Hintergrund - Neuer ICD-Katalog: Online-Spielsucht als Krankheit

Die Weltgesundheitsversammlung will den neuen Katalog der Krankheiten (ICD*-11) Ende Mai verabschieden. Ärzten steht dann eine eigenständige Diagnose für die Sucht nach Online-Video- und Computerspielen zur Verfügung. Andere Formen pathologischer PC- bzw. Internet-Nutzung (z. B. von sozialen Netzwerken oder Online-Pornographie) gelten dagegen bislang als noch nicht ausreichend erforscht, um als separate Krankheit in den ICD aufgenommen zu werden. Der Katalog wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwaltet und ist das wichtigste weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Das Verzeichnis wurde zuletzt vor 28 Jahren neu gefasst. Es enthält mehr als 55.000 Codes für Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen und soll damit u. a. das Erstellen von Gesundheitsstatistiken erleichtern. Die derzeit gültige Version ist die ICD-10.

*Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (Englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems)

Die KKH Kaufmännische Krankenkasse ist eine der größten bundesweiten gesetzlichen Krankenkassen mit 1,7 Millionen Versicherten. Nähere Informationen erhalten Sie unter kkh.de/presse/Portrait.

Mit freundlichen Grüßen,

KKH Kaufmännische Krankenkasse
Daniela Preußner
Pressesprecherin

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