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Kirchhof im stern: "Im Wahlkampf habe ich menschliche Niedertracht erlebt"

    Hamburg (ots) - Der ehemalige Unions-Schatten-Finanzminister Paul Kirchhof rechnet scharf mit Politik und Medien ab. In einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte der parteilose Steuerexperte, in den vier Wochen des Wahlkampfes habe er "menschliche Niedertracht" erlebt. Die Karikierung seiner Person durch den damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) sei für ihn ein "ein bedrückendes Erlebnis" gewesen. Er sei aber auch "sehr erstaunt" gewesen, wie Spitzenpolitiker der Union auf Distanz zu ihm gegangen seien. Der Heidelberger Wissenschaftler kritisierte ebenfalls die Rolle der Medien, die  unzutreffende Behauptungen über sein Steuerreformkonzept "einfach so nachgeplappert" hätten.

    Besonders "verletzend", so Kirchhof, sei für ihn Schröders Vorwurf gewesen, er wolle die Deutschen zu Versuchskaninchen machen: "Das schlimmste Wort war das von den Menschenversuchen." Denn das hätte in der Wissenschaftsgeschichte in Deutschland "eine sehr ungute Tradition". Während der ehemalige Kanzler ihn nie um Verzeihung gebeten habe, hätten ihm viele Sozialdemokraten, einige sogar noch während des Wahlkampfes geschrieben: "Das geht so nicht, ich schäme mich, ich entschuldige mich."

    Kompetenzteam-Mitglied Kirchhof wies im stern die Wahlanalysen aus der Union zurück, die ihn für das schlechte Abscheiden von CDU und CSU verantwortlich gemacht hatten. Er teile nicht die Kernaussage, "dass der Wahlkampf zu professoral, zu argumentierend, manche sagen sogar zu ehrlich gewesen ist." Der Wissenschaftler verwahrte sich vor allem gegen den Vorwurf des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, er habe den Bogen der von den Bürgern befürchteten Zumutungen überspannt: "Das ist nicht richtig. Die Bürger in den Veranstaltungen haben mein Gerechtigkeitskonzept verstanden." Kirchhof kritisierte seinerseits die Spitzenpolitiker der Union: "Nicht jeder als Solist, sondern als Chor" hätte man sich präsentieren müssen, um die Wahl zu gewinnen.

    Trotz seiner Erfahrungen im Wahlkampf rät der Wissenschaftler künftigen Quereinsteigern: "Hingehen, auf jeden Fall hingehen." Die Politik brauche das Wissen von außen. Für ihn selbst aber gelte: "Jeder hat einen Wurf. Die Akte Politik ist für meine Biografie geschlossen." Er habe in dem turbulentesten Jahr seines Lebens erfahren, "wie schön es ist, Professor aus Heidelberg zu sein." Kirchhof hat sich diese Formulierung Schröder zu eigen gemacht: "Made in Germany wurde erfunden, um deutsche Produkte zu diskriminieren, aber es hat sich als Qualitätsmerkmal erwiesen. Genauso erlebe ich es mit dem "Professor aus Heidelberg".

Diese Vorabmeldung ist mit Quellenangabe zur Veröffentlichung frei. Das  Interview steht in Originalfassung zur Verfügung. Für Rückfragen: stern-Berlinredaktion, Tel.: 030/2 02 24 0

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