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Wolfgang Thierse im stern: Ostdeutsche müssen ihren Jammer-Status überwinden

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    Hamburg (ots) - Bundestagspräsident und SPD-Vize Wolfgang Thierse
hat die hohen Stimmenverluste der SPD bei den Landtagswahlen in
Sachsen-Anhalt als "dramatisch und bedrückend" bezeichnet. In einem
Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte Thierse, ein Grund
für das schlechte Abschneiden der Sozialdemokraten sei die "leichte
Enttäuschbarkeit" der Ostdeutschen. "Es war immer mein Eindruck, dass
jede Spendenaffäre im Osten noch mehr Enttäuschung gegenüber der
Demokratie produziert, nach dem Gestus: 'Die sind ja auch nicht
anders'. Das ist eine gefährliche Stimmung, weil sie latent
antidemokratische Unsicherheiten überspielt und diese zu
antidemokratischen Vorurteilen verfestigt." Darin stecke auch eine
Abwehr gegen den Lehrmeister, "den überheblichen Wessi: ‚Der kocht ja
auch nur mit Wasser. Der ist ja genauso schäbig, wie sie uns oder
unseren Herrschaften immer vorgeworfen haben'. Gleichzeitig wird
damit wiederum eigene Passivität gerechtfertigt."
    
    Thierse sieht auch zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung immer
noch große Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen:
"Früher habe ich immer gesagt, die Wessis sind nett, aber tatsächlich
sind viele nur unverbindlich, oberflächlich. Sie hetzen von hier nach
dort, sie sind mit dem Geld beschäftigt. Wir Ostdeutschen sind
irgendwie ernsthafter, verbindlicher. Wir sagen immer noch: 'Wichtig
ist doch eigentlich, was einer denkt und fühlt und wovon er überzeugt
ist.'"
    
    Thierse forderte in dem stern-Interview seine Landsleute auf,
selbstbewusster zu sein, ihren "Jammer-Status" zu überwinden und sich
in die "eigenen Angelegenheiten einzumischen". Zu Hause oder in der
Kneipe zu sitzen und "auf die da oben" zu schimpfen, habe schon zu
DDR-Zeiten nichts geholfen.
    
    Zwölf Jahre nach der deutschen Einheit sei vom Westen nicht mehr
viel zu lernen. "Jetzt müssen wir auf uns selber gucken und auf das,
was wir in den letzten zwölf Jahren gemeistert haben in dieser
gigantischen Transformation. Aus dieser Erfahrung müssen wir nun an
die gesamtdeutschen Reformen gehen, denn auch Westdeutschland muss
sich erheblich ändern. Das ganze Land muss sich ändern." Die
Ostdeutschen seien nicht die geborenen Verlierer oder
Zurückgesetzten.
    
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