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Joschka Fischer im stern: "Ja, ich war militant" - Bisher unbekannte Fotos zeigen den Außenminister bei Schlägerei mit der Polizei - "RAF und Revolutionäre Zellen waren aber nie mein Fall"

    Hamburg  (ots) - Bundesaußenminister Joschka Fischer, der in dem
Prozess gegen den mutmaßlichen Terroristen Hans-Joachim Klein am 16.
Januar als Zeuge aussagen soll, hat sich in einem stern- Interview
ausführlich zu seiner Zeit als Straßenkämpfer im Frankfurt der 70er
Jahre geäußert. "Ja, ich war militant", sagte der prominenteste Grüne
dem Hamburger Magazin. "Wir haben Häuser besetzt, und wenn die
geräumt werden sollten, haben wir uns gewehrt. Wir haben Steine
geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig
hingelangt."
    
    Bisher unbekannte Fotos zeigen, wie gewalttätig
Bundesaußenminister Joschka Fischer in seiner Zeit als Straßenkämpfer
wirklich war. Auf fünf Aufnahmen, die das Hamburger Magazin stern in
seiner neuesten Ausgabe exklusiv veröffentlicht, ist Fischer bei
einer Schlägerei mit einem Polizisten im April 1973 zu sehen.
    
    Auf den Fotos ist zu erkennen, wie der mit Motorradhelm und
Handschuhen ausgerüstete Fischer dem Beamten einen Faustschlag
versetzt, während dieser zu Boden geht. Anschließend wird der am
Boden liegende Polizist von Fischer und einer Gruppe anderer
Gewalttäter getreten. Fischer erklärt, die Situation habe sich
ereignet, als die Polizei im Frankfurter Stadtteil Bornheim mit
Schlagstockeinsatz eine Demonstration auflöste. "Damals lief ich
allein und mit nichts als meinen Händen zum ersten Mal nicht mehr
weg, sondern der Polizei entgegen".
    
    Über seinen Weg ins linksradikale Milieu erklärte der heutige
Außenminister im stern: "Es war eine Zeit in der auf Rudi Dutschke
geschossen wurde, eine Zeit der härtesten Konfrontation, des
öffentlich gepredigten Hasses gegen die Studenten, wo für uns die
deutsche Demokratie ein Gesicht zeigte, das die Kontinuität des
Nationalsozialismus wieder aufscheinen ließ." Das habe ihn auf einen
Weg geführt, "wo man ganz praktisch den Sturz der verfassungsmäßigen
Ordnung wollte." Er sei zum Teil auch der "Faszination revolutionärer
Gewalt" erlegen. "In dem Moment, in dem Sie zuschlagen, beginnt ein
Mechanismus zu wirken, wo man Macht spürt, und das ist verführerisch,
vor allem bei jungen Männern." Das habe "viele der 68er an den
Abgrund" des Terrorismus geführt; er selber habe jedoch mit seinen
Freunden immer "massiv darauf hingearbeitet, um Gottes willen diesen
Schritt zum bewaffneten Kampf, zum Terrorismus nicht zu tun."
Molotow-Cocktails habe er "definitiv" nie geworfen.
    
    Zum Frankfurter Verfahren gegen seinen ehemaligen Weggefährten und
späteren Terroristen Hans-Joachim Klein, dem im Zusammenhang mit dem
Opec-Überfall 1975 dreifacher Mord vorgeworfen wird, sagte Fischer,
es sei eine "Tragödie", dass sich Klein mit der terroristischen Szene
eingelassen habe. "RAF und Revolutionäre Zellen waren aber nie mein
Fall, im Gegenteil, wäre Hans-Joachim Klein in unserem Milieu
geblieben, stände er heute nicht vor Gericht." Mit der jahrelangen
Unterstützung des untergetauchten Terroristen nach dem Opec-Überfall,
an der sich unter anderem der bekannte Grünen-Politiker Daniel
Cohn-Bendit beteiligte, habe er "persönlich nichts zu tun", so
Fischer im stern.
    
ots Originaltext: stern
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