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Westdeutsche Zeitung: Der seltsame deutsche Umgang mit der Katastrophe - Verrutschte Dimensionen Ein Kommentar von Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Dank des technischen Fortschritts, den mancher fälschlicherweise mit einem medialen gleichsetzt, waren wir noch nie so aktuell und umfassend über eine Katastrophe informiert wie im Fall Japans. Zusätzlich scheinen uns allein die TV-Talkshows täglich stundenlang die Chance zur Reflexion zu bieten. Und dennoch reagieren wir einerseits hilflos - und wählen andererseits eine seltsame Art der Aufarbeitung.

Bestes Beispiel ist, wie wir die Schwerpunkte in der Diskussion setzen. Erdbeben und Tsunami radieren ganze Städte aus, riesige Schiffe werden wie Spielzeug-Bötchen von einer Flut biblischen Ausmaßes im Binnenland hingeworfen und seit gestern steht fest, dass mehr als zehntausend Japaner sterben mussten. Alles Randnotizen? In ungeheizten Notunterkünften erfrieren Menschen und zwei Wochen nach der Katastrophe gibt es noch unzählige Vermisste. Doch wir starren vor allem auf einen kleinen Teil Japans, nach Fukushima.

Wahrscheinlich wird erst in einigen Monaten klar werden, ob uns hier bei den Prioritäten nicht die Dimensionen verrutscht sind. Denn: Es gibt verstrahlte Menschen, es gibt Belastung im Trinkwasser und noch viel mehr Sorgenerregendes. Das ist unglaublich schlimm. Doch es ist dennoch schwer zu verstehen, wie sehr allein das Atom-Thema im Vordergrund steht. Überspitzt: Tausende tote Japaner scheinen uns weniger zu erschüttern als die Aussicht, dass die nuklearen Messwerte in Europa minimal steigen, dabei aber weit unter den Grenzwerten bleiben.

Einsehbar ist diese Fokussierung nur angesichts der bedrückenden Ungewissheit. Auch wenn japanische Arbeiter heldenhaft dagegen ankämpfen, droht das größtmögliche atomare Unglück. Die Angst, dass Millionen sterben müssen, ganze Landstriche unbewohnbar, die Weltmeere und global Nahrungsmittel verseucht werden, ist riesig und sehr verständlich.

Schwerer nachvollziehbar ist angesichts der Not in Japan und der Atom-Gefahr eine weitere Variante des Umgangs mit der Katastrophe: Rechthaberei und Polemik, wie wir sie kurz vor zwei wichtigen Wahlen in Deutschland erleben, sind taktlos. Nichts gegen ehrlich Besorgte, aber viel gegen Leute, die innenpolitisches Kapital aus dem Unglück in Japan schlagen wollen.

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