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Westdeutsche Zeitung: Japans Katastrophe muss zur globalen Zäsur werden - Vom Nutzen der "German Angst" Ein Kommentar von Christoph Lumme

Düsseldorf (ots) - Nach Japans mehrdimensionaler Katastrophe befindet sich die Welt im Schockzustand. Dabei reagieren die einzelnen Nationen gemäß ihrer spezifischen Mentalitäten sehr unterschiedlich.

Zunächst einmal das erschütterte Land selbst: Nein, es ist nicht in erster Linie fernöstliche Disziplin und Gelassenheit, die die Japaner scheinbar nüchtern auf die apokalyptischen Vorgänge reagieren lässt. Die Menschen fühlen sich offenbar als Teil eines kollektiven Albtraums, aus dem man irgendwann unbeschadet erwacht. Für Japaner ist dieser Sieg des Restrisikos über die Wahrscheinlichkeitsrechnung deshalb so unfassbar, weil ihre High-Tech-Gesellschaft wie kein anderes Land an die Beherrschbarkeit der Atomkraft geglaubt hatte.

Ganz anders Deutschland. Fast reflexartig formierte sich die historisch gewachsene Anti-Atomkraftbewegung zu einer gewaltigen Widerstandsfront. Den Deutschen erscheinen die Schreckensbilder aus Japan nicht als surrealer Horror, sondern als das vorhersehbare böse Ende eines technologischen Irrwegs. Japans Atomkatastrophe steigert die "German Angst" ins Unermessliche, und der Gedanke an die mögliche politische Kettenreaktion bei den anstehenden Landtagswahlen lässt das schwarz-gelbe Regierungsbündnis erschaudern. Wenn die Kanzlerin nun die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke aussetzt, ist dies die Notabschaltung ihrer eigenen Atompolitik und ihre einzige Option. Angela Merkel weiß: Wenn sie die Angst des Souveräns jetzt ignoriert, wird ihre Bundesregierung in Rekordzeit untergehen.

So sehr auch Hysterie und Angst in der Regel schlechte Berater sind: Die Katastrophen von Tschernobyl und Japan haben gezeigt, dass die skeptischen Deutschen die nuklearen Gefahren präziser erfassen als etwa die technikgläubigen Nationen Frankreich, Japan und China.

Allerdings wirkt eine deutsche Debatte über die Verkürzung von Reaktor-Laufzeiten fast schon hilflos gegenüber der gestrigen Ankündigung Chinas, im großen Stil neue Atomkraftwerke zu bauen. Die Bundesregierung muss deshalb auf internationaler Bühne darauf drängen, dass die Katastrophe von Japan zur Zäsur wird - für Deutschland und die internationale Gemeinschaft.

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