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Westdeutsche Zeitung: Soziale Netzwerke und ihre Rolle beim arabischen Aufstand = von Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Erst Tunesien, jetzt Ägypten. Wenn im arabischen Raum autoritäre Regime straucheln, ist rasch von der Facebook-Revolution die Rede. Denn moderne Kommunikationsmittel spielen dort eine so gewaltige Rolle wie nie zuvor. Das gilt vor allem für soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook, die die Menschen in diesen Ländern emsig vor allem mit Mobilgeräten nutzen. Ihr Reiz liegt darin, dass innerhalb weniger Minuten - dank eines Schneeballsystems - Millionen von Menschen mit Texten, Fotos und Videos versorgt werden können. Wer, unter Umgehung der Zensur, Missstände anprangern und zu Protestkundgebungen aufrufen will, kommt damit bestens zurecht. Wie wirksam, beziehungsweise je nach Warte bedrohlich, diese Kommunikationswege sind, bewies das Regime in Ägypten, indem es sogar das Internet lahm legte. Doch der erwünschte Effekt stellte sich nur zum Teil ein - im Gegenteil schadete die Sperre der ägyptischen Wirtschaft, die keine Geschäfte mehr abschließen konnte. Die Protestbewegung hingegen fand rasch Umgehungsmöglichkeiten. Und vor allem zeigte sich, dass diese Technik zwar sehr nützlich für Volksbewegungen ist, aber nicht existenziell: Die normale Mundpropaganda funktionierte meistens, ähnlich wie Rundfunk, Zeitungen oder Handzettel. Von einer Facebook-Revolution zu fabulieren, wäre übertrieben. Das gilt auch für Tunesien: Dort lösten nicht die sozialen Netzwerke den Aufstand aus, sondern ein 26-jähriger Straßenverkäufer, der sich nach Behörden-Schikanen selbst verbrannte. Erst als daraufhin Menschen auf den Straßen protestierten, kam das Internet ins Spiel: Es sorgte dafür, dass der Rest der Welt praktisch zeitgleich an den Geschehnissen teilnehmen - und darauf reagieren konnte. Insofern können durchaus die sozialen Netzwerke dafür sorgen, dass in weiteren arabischen Ländern Protestbewegungen erstarken. Sie befördern Entwicklungen, ursächlich sind sie nicht. Das Internet hat allerdings auch eine gravierende Kehrseite für Menschen, die totalitäre Systeme durch eine Demokratie ablösen wollen: Die alten Herrscher können die Netzwerke ebenfalls nutzen. So soll die tunesische Regierung Benutzerprofile erfolgreich gehackt haben, um Dissidenten zu identifizieren.

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