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Westdeutsche Zeitung: Leiharbeit = von Martin Vogler

Düsseldorf (ots) - Normalerweise würde jetzt eine Diskussion über die Angemessenheit der 3,6 prozentigen Lohnsteigerung in der Stahlbranche Nordwestdeutschlands einsetzen. Doch das scheint bei diesem Tarifabschluss niemanden zu interessieren. Stattdessen fragen sich bundes- und branchenweit Geschäftsführungen, Gewerkschaften und Arbeitnehmer, was die neue Vereinbarung zur Zeitarbeit bedeutet. Noch betrifft sie nur 3000 Leiharbeiter in der Stahlbranche. Doch schon wird die Idee diskutiert, diese Regelung auszuweiten. Das hätte enorme Sprengkraft - mit emotionalem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Charakter. Wie läuft es jetzt? Unternehmen nutzen Zeitarbeit, um flexibel auf Auftragsspitzen zu reagieren. Vor echten Neueinstellungen schrecken sie auch deshalb oft zurück, weil sie sich wegen des stark verankerten Kündigungsschutzes schwer wieder von den Mitarbeitern trennen können, falls sie sie nicht mehr benötigen. Soweit die Lehrmeinung. Allerdings ist die Zeitarbeit in Verruf geraten, weil Unternehmen sie nicht nur zum Abfedern von auftragsstarken Zeiten nutzen, sondern dank ihr dauerhaft einem Teil der Beschäftigten niedrigere Gehälter zahlen. In vielen Betrieben gibt es bereits eine Zwei-Klassen-Gesellschaft mit gut dotierten Stamm-Mitarbeitern und schlechter bezahlten Leiharbeitern, deren Jobs zudem unsicherer sind. Etliche Unternehmen nutzen dafür nicht mehr externe Zeitarbeitsfirmen, sondern gründen gleich Töchter. Was ihnen den Vorwurf des Lohndumpings einbringt. Doch wenn die Stahlregelung Standard wird, können sie das vergessen. Im Gegenzug würden Zeitarbeiter jubeln. Sie hätten die Chance auf bessere Vergütung, wären also zumindest dem Kollegen, der beim Unternehmen direkt angestellt ist, finanziell ebenbürtig. Allerdings gibt es zumindest zwei Euphoriebremsen: Die Zahl der Arbeitsplätze für weniger Qualifizierte könnte rasch sinken. Und die positiven Beispiele, dass es schier aussichtslose Fälle dank Zeitarbeit wieder in ein normales Arbeitsverhältnis schaffen, würden rar. Doch wer weiß, ob die Stahl-Regelung wirklich Beispiel für andere Branchen wird? Denn schon im Metall- und Elektrobereich ist das unwahrscheinlich, weil dort die Leiharbeit eine bedeutend größere Rolle spielt.

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