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Westdeutsche Zeitung: Warum die wieder auflebende Rentendiskussion gefährlich ist - Es geht nicht nur um Dachdecker Von Martin Vogler =

Düsseldorf (ots) - Kennen Sie einen 66-jährigen Dachdecker? Wenn nicht, mag das daran liegen, dass der Anteil dieser Berufsgruppe an der Gesamtbevölkerung nicht sehr hoch ist. Es kann aber auch damit zu tun haben, dass der in der Rentendiskussion zu einer beachtlichen Berühmtheit gelangte ältere Dachdecker sich längst zur Ruhe gesetzt hat, weil er schlicht nicht mehr in schwindelerregender Höhe herumkraxeln will und kann. Doch in der von der SPD neu entfachten Rentendiskussion wird er wieder als Kronzeuge dafür herhalten, dass ein erhöhtes Rentenalter vor allem in körperlich tätigen Berufen Unsinn ist. Was in vielen Fällen stimmt.

Andererseits ist unser Arbeitsalltag meist nicht mehr von Muskelkraft geprägt. Maschinen nehmen uns viel ab. Die Mehrzahl der Menschen hat sogar eher das Problem, im Beruf körperlich überhaupt nicht mehr gefordert zu werden. Intellektuell voll auf der Höhe und dank eines gesunden Lebenswandels und einer sich immer weiter entwickelnden medizinischen Versorgung wären die meisten von uns spielend in der Lage, weit über das 65. Lebensjahr hinaus auch beruflich aktiv zu sein. Viele leiden sogar darunter, dass sie das wegen der starren gesetzlichen Regeln nicht dürfen. Deshalb könnten flexiblere Altersgrenzen eine Lösung sein, kombiniert mit Teilzeitmöglichkeiten. Solches böte die Chance, dass Erfahrung und Schaffenskraft älterer Menschen, sofern diese das wollen, nicht brach liegen. Unsere Gesellschaft, in der junge Leute fehlen, wird so etwas bald sogar brauchen, um allen einen vernünftigen Lebensstandard bieten zu können.

Solch' flexible Lösungen zu finden wird nicht einfach sein. So wird die Diskussion stets von der individuellen - verständlichen - Angst vor Leistungskürzungen überschattet und vom starken Beharrungsvermögen Einzelner geprägt sein. Auch ist es zumindest derzeit nicht wegzudiskutieren, dass - wenn das echte Renteneintrittsalter bei 63 liegt - noch zu wenige Arbeitsplätze für Ältere existieren.

Doch auch wenn es sehr unpopulär ist, ein Blick auf die Alterspyramide in Deutschland macht klar: Ohne ein höheres Rententeintrittsalter geht es nicht. Wer als Politiker anderes sagt, handelt verantwortungslos und schielt auf voreiligen Applaus. Ein Zurück zur Rente mit 65 wäre nicht finanzierbar.

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