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Westdeutsche Zeitung: Kindstötungen = von Eberhard Fehre

    Düsseldorf (ots) - Fassungslos stehen wir vor den immer neuen Meldungen über Kindstötungen in unserem Land. Vorgestern Plauen, gestern Darry, und auch der schreckliche Fall im brandenburgischen Brieskow mit den neun Baby-Leichen ist noch unvergessen. Der Trost, den eine Wissenschaft bereithält, die uns vorrechnet, dass die Zahl dieser schrecklichen Tragödien entgegen unserer Wahrnehmung in den vergangenen Jahrzehnten eher gefallen als gestiegen ist, überzeugt dabei wenig. Die kühle Statistik hat keine Chance gegenüber dem Unfassbaren, dass Mütter ihre Kinder töten. Es sprengt einfach unser Vorstellungsvermögen. Zugleich aber verlangt unsere Vernunft nach Erklärungen für Verbrechen, die sich doch jeder vernünftigen Erklärung entziehen. Denn auch der Verweis auf eine zunehmende soziale Verwahrlosung taugt als Erklärungsansatz kaum. Gewiss steigt, allen Sonntagsreden zum Trotz, die Zahl tatsächlich armer Kinder und Familien in Deutschland. Aber ein Blick auf die Tragödien der jüngsten Zeit zeigt, dass es sich bei ihnen nicht um ein strukturell-gesellschaftliches Muster, sondern um eine Kette von Einzelfällen handelte. Überforderung, Isolation oder psychische Defekte - jeder Fall hat seinen eigenen Hintergrund. Das entlässt natürlich Staat und Gesellschaft nicht aus ihrer Verantwortung. Der Arm des Staates reicht jedoch nur bedingt bis ins Kinderzimmer. Das sollte, wollen wir eine freie Gesellschaft bewahren, auch so bleiben. Und es sind wohl nicht neue Gesetze, die wir brauchen, sondern eine bessere Umsetzung der bestehenden Regelungen. Eine Vernetzung der Behörden und Dienste, von Sozial- und Jugendamt, von der Hebamme bis zum Gesundheitsdienst, könnte als Frühwarnsystem dort dienen, wo die nachbarschaftliche Kontrolle versagt. Das Dormagener Modell einer "Prävention ab Nabelschnur" steht dafür beispielhaft. Dafür aber bedarf es mehr als wohlfeiler Appelle, das braucht auch und vor allem den politischen Willen und - natürlich - Geld. Doch niemand sollte sich Illusionen machen: Auch das kann nicht verhindern, dass wir in einigen Wochen oder Monaten wieder vor einem solch schrecklichen Fall wie Darry oder Plauen stehen und fassungslos nach Erklärungen suchen, die es letztlich doch nicht gibt.

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