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Trierischer Volksfreund: Sonderrecht auf Lärm für Kinder - Leitartikel, Trierischer Volksfreund, 17.02.2011

Trier (ots) - Warum kommen in Deutschland so wenige Kinder zur Welt? Diese Frage ist längst zu einem Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Wissenschaft geworden. Beinah schon im Wochentakt werden dazu mehr oder minder kluge Studien und Forschungsberichte veröffentlicht. Dabei hätte bereits ein Blick ins Gesetzblatt genügt, um einem wichtigen Grund auf die Spur zu kommen. In einem Land, in dem Kinderlärm als schädliche Umwelteinwirkung ausgelegt werden kann, haben nicht nur klagewütige Querulanten Oberwasser. Vielmehr ist die gesamte Gesellschaft in Schieflage geraten. Familienfreundlichkeit? Nein danke, lautet ihre Botschaft.

Viele Eltern spüren das tagtäglich. Früher gehörte Kinderlärm zum ganz normalen Alltag. Dass man ihn mit den Geräuschen von Flugzeugen oder Weihnachtsmärkten in einen Topf wirft, wäre vor ein paar Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen. Kinderlose Paare waren selten und Singles ebenso. Heute ist Deutschland schlicht kinder-entwöhnt. Findige Anwälte hatten daher schon seit geraumer Zeit keine Berührungsängste mehr, artfremde Geräuschpegel ins Feld zu führen, um ihren Mandaten zum Prozess-Erfolg zu verhelfen. Wenn sich Anwohner über einen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft beschwerten, konnten sie sich auf das Bundes-Immissionsschutzgesetz berufen. Auf dieser Grundlage wurde zum Beispiel in Hamburg eine Kita vom Wohn- ins Gewerbegebiet verbannt. Und selbst das geschah noch unter strengen Lärmschutzauflagen. So gesehen muss man die Regierung fragen, warum sie derlei Absurditäten erst jetzt einzudämmen sucht.

Die gestern von ihr verabschiedete Klarstellung im Gesetz, wonach das Lärmen von Kindern als Ausdruck ihrer Entwicklung und Entfaltung zu betrachten ist, war überfällig. Wer das anders sieht, der sei daran erinnert, dass es die heranwachsende Generation ist, die ihm eines Tages die Altersbezüge finanziert. Ohne genügenden Nachwuchs kann der Generationenvertrag schwerlich funktionieren. Und wer längst schon Rente bezieht, der sollte sich vor Augen halten, dass der Gesetzgeber sehr wohl einen Interessenausgleich zwischen Jung und Alt berücksichtigt. Wenn sich der Kindergarten zum Beispiel neben einem Pflegeheim befindet, sind auch Ausnahmen von der Regel möglich.

Zu den ersten Organisationen, die den Beschluss gestern begrüßten, gehörte übrigens die Senioren-Union. Deren Vizechef Leonhard Kuckart hatte Kinderlärm noch vor kurzem mit den Geräuschen eines Presslufthammers gleichgesetzt. Vielleicht ist die Gesellschaft ja doch lernfähig. Ohne die notwendige Toleranz bleibt ein kinderfreundliches Gemeinwesen Utopie. Schlimm genug, dass es dazu eine gesetzliche Klarstellung braucht.

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