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Badische Zeitung: Neue Unruhen im Irak
Folgen einer Lebenslüge Leitartikel von Thomas Fricker

Freiburg (ots) - Geht das jetzt schon wieder los? So haben wohl viele Bürger hierzulande auf die jüngsten Nachrichten aus dem Irak reagiert. Seit Monaten war es dort zu Anschlägen gekommen. Die Welt hatte weggeschaut. Doch nun haben islamistische Kämpfer Städte besetzt, darunter Falludscha, eines der Symbole für die Grauen des Irakkriegs schlechthin. Nuri al-Maliki, der starke Mann im heutigen Irak, fordert die Bewohner zum Widerstand auf. Andernfalls müssten die dort lebenden Sunniten damit rechnen, den al-Qaida-nahen Terroristen zugerechnet und entsprechend behandelt zu werden, lautet Teil zwei seiner Botschaft. Die USA schicken Waffen - und halten sich ansonsten zurück. Derweil festigen die Islamisten ihre Machtbasen nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien und dem Libanon. Muss uns das interessieren? Mehr als uns lieb sein mag. Die Nachrichten sind alarmierend - und zwar nicht, weil nun ein alter Streit noch einmal geführt werden darf: War der Feldzug gegen Saddam Hussein richtig oder nicht? Natürlich sehen sich die Kriegsgegner von einst bestätigt. Der Zerfall des Zweistromlandes wurde schließlich damals schon als Folge des Diktatorensturzes prophezeit. Indes bringt das Schlagen geschlagener Schlachten auch Pazifisten nicht weiter. Der Irak hätte sich auch friedlicher entwickeln können. Warum der dazu nötige Kurs allenfalls halbherzig eingeschlagen wurde und wer dafür verantwortlich ist, sind die Fragen, die es zu beantworten gilt, wenn das endgültige Abgleiten der Region in neuen Bürgerkrieg verhindert und eine Lehre aus dem Desaster gezogen werden soll. Ein Fehler war mit Sicherheit die mangelhafte Einbindung der Sunniten in den Nachkriegsirak. Unter dem Sunniten Saddam Teil der Elite, fand sich das vormals dominierende Drittel der Bevölkerung oft ausgegrenzt wieder. Die schiitische Mehrheit etablierte neue Führungsstrukturen, die irakischen Kurden strebten nach Autonomie, prompt schürten Extremisten Spannungen, der Irak spaltete sich entlang religiöser und ethnischer Linien. Die USA als Invasoren aber waren der eigenen Opfer lange schon müde. Spätestens unter Barack Obama gab es nur noch ein Ziel: raus und zwar schnell. Dass Washington vorher seine Truppen noch einmal aufstockte, ist kein Widerspruch. Man wollte kurzzeitig Ruhe schaffen - um die Chancen einer irakischen Regierung zu verbessern, aber auch aus Selbstschutz. Obama wollte für spätere Unruhen nicht mehr verantwortlich gemacht werden können. Es gehört zu den Lebenslügen amerikanischer wie westlicher Sicherheitspolitik, zu glauben, man könne in einem Land erst intervenieren und es dann ein paar Jahre später wieder seinem Schicksal überlassen. Das Gegenteil trifft zu: Aus der Intervention erwächst langfristige Verantwortung. Sonst ist man zu dem gezwungen, was die USA gerade mit dem Schiiten al-Maliki tun: Sie unterstützen einen Regierungschef, der mit seiner böswillig gegen die Sunniten gerichteten Politik die Krise im Irak erst richtig entfacht hat. Dies wiederum mobilisiert all diejenigen Kräfte, die sich für Verbündete der Sunniten halten und die schon heute mal den Irak als Rückzugsraum für den Kampf in Syrien und mal Syrien als Basis für Operationen im Irak nutzen. Mit ihrem Extremismus könnten sie eines Tages selbst Schlächter wie Baschar al-Assad in Syrien als kleineres Übel erscheinen lassen. Den Irak haben die US-Amerikaner mit ihren letzten Kampftruppen vor zwei Jahren verlassen. In Afghanistan steht dieser Abzug, auch der Bundeswehr, dieses Jahr auf der Agenda. Ungeachtet gegenteiliger Beteuerungen ist bisher nicht klar, in welcher Größenordnung und mit welchen Befugnissen dann noch Soldaten der Nato am Hindukusch stationiert bleiben. Als Rückversicherung wäre ihre Präsenz aber zwingend vonnöten - um einen zweiten Irak zu verhindern.

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