Südwest Presse

Südwest Presse: Kommentar zu Merkel

    Ulm (ots) - Vor zwei Monaten, nach der Wahl, sahen viele schon das Ende der Angela Merkel gekommen. Noch am Wahlabend hatte Gerhard Schröder ihre Ansprüche auf das Kanzleramt schnöde vom Tisch gewischt. Aber sie ließ sich nicht beirren. Zäh hielt sie durch. Ohne große Gebärde hat sie ihren Sieg nach Punkten erreicht: Die erste Frau als Kanzler und sie stammt aus dem Osten. "Über beides freue ich mich", sagte Bundespräsident Horst Köhler. Zwar hat sie, wie zu befürchten war, rund 50 Gegenstimmen aus dem Lager der Koalitionsparteien erhalten, aber sie kann sich trösten. Kurt Georg Kiesinger, der Kanzler der früheren großen Koalition, musste 1966 auf 107 Stimmen verzichten. Große Mehrheiten, das lehrt die Erfahrung, verleiten zur kleiner Disziplin. Eine andere Wahl als das Bündnis mit der Partei, mit der man im Wahlkampf noch den lebhaften Austausch von Beleidigungen gepflegt hatte, war Angela Merkel schließlich nicht geblieben. Sie musste sich in den Koalitionsverhandlungen großzügig zeigen, weil über den Gesprächen stets die unausgesprochene Drohung stand, dass die SPD doch noch schwenken und auf Druck ihrer Basis die rot-rot-grüne Mehrheit wählen würde. Jetzt beginnt ihre zweite Bewährungsprobe. Es gilt, die Löcher im Koalitionsvertrag durch praktische Politik auszufüllen und sich dabei gegen eine starke Ministermannschaft der SPD zu behaupten. Von vielen überfälligen Reformen wurde nur noch geredet. Auf dem Papier bleiben sie unerfüllt. Und dies bei einer Koalition, von der viele eine besondere Durchsetzungsfähigkeit erwartet hatten. Deshalb darf man mit Spannung darauf hoffen, dass Merkels erste Regierungserklärung mehr "Butter bei die Fische" bringen wird. Natürlich kann die Kanzlerin ihre Koalition nicht regieren, als ob sie von befreundeten Parteien getragen würde. Der Koalitionsausschuss und die Bundestagsfraktionen werden ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Aber sie hat bereits gezeigt, dass sie einen neuen Stil in die Politik bringen wird. Wie ihr Gegenpol auf SPD-Seite, Matthias Platzeck, hat sie nicht die westliche Ochsentour der Parteikarriere mit ihren Rankünen durchgemacht. Sie denkt vielmehr nüchtern und pragmatisch, ohne aufgesetzte Attitüde. Vor allem aber: Sie weiß den Wert der Freiheit in der Demokratie noch zu schätzen, den sie bis 1989 hat vermissen müssen.

Rückfragen bitte an:
Südwest Presse
Tolks Lothar
Telefon: 0731/156218

Original-Content von: Südwest Presse, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Südwest Presse

Das könnte Sie auch interessieren: