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Südwest Presse: Leitartikel zu Mirgrantenkindern

    Ulm (ots) - Es ist genau ein Jahr her, da wurde hierzulande hitzig über nicht integrierte Muslime, gefährliche Parallelgesellschaften und fanatische Islamisten debattiert. Anlass war der Mord an dem niederländischen Islamkritiker Theo van Gogh. Dieser Tage beklagen deutsche Politiker erneut Integrationsdefizite, weil in den französischen Vorstädten junge Einwanderer auf die Barrikaden gehen und ihren angestauten Aggressionen auf üble Weise freien Lauf lassen. Offenbar kommt die öffentliche Diskussion über das Zusammenleben Deutscher und Migranten stets in Gang, wenn in einem unserer Nachbarländer gemordet und gebrandschatzt wird. Kein allzu kluger Umgang mit diesem wichtigen Thema. Noch bedauernswerter aber ist, dass, sobald die Aufwallung in Politik und Medien vorüber ist, alles in gewohntem Trott weitergeht, obwohl es noch einiges zu tun gäbe. Dennoch darf man feststellen, dass in Deutschland bereits vieles gelungen ist. So schlecht wie ihr Ruf - und so schlecht wie in Frankreich - ist die Lage der Migranten nicht. Längst gibt es eine wachsende türkische Mittelschicht. Nicht wenige haben den sozialen Aufstieg geschafft. Auch wissen die meisten Einwanderer, dass ein Leben in geschlossener Gesellschaft nicht gelingen kann und kein Weg daran vorbeiführt, die deutsche Sprache zu lernen. Die Italiener, Portugiesen und Spanier, die einst hierher gekommen sind, werden ohnehin kaum mehr als Ausländer wahrgenommen. Sie gehören längst dazu. Anders in Frankreich: Obwohl Einwandererkinder mit der Geburt die Staatsbürgerschaft erlangen, fristet der Großteil von ihnen in einer ausgeprägten Klassengesellschaft ein perspektivloses Dasein in trostlosen Trabantenstädten. Dass diese nicht mit den Ausländervierteln in Berlin und Köln zu vergleichen sind, sollte über eines nicht hinwegtäuschen: Auch hier schwelen massive Probleme, die sich eines Tages zu einem Flächenbrand entwickeln könnten. Noch sichert man sich in Deutschland mit dem sozialen Netz sozialen Frieden. Doch dies ist ein zunehmend brüchiger Frieden, sollte es nicht bald gelingen, die (Aus-)Bildungschancen junger Migranten erheblich zu verbessern, damit deren Zukunft nicht weiter auf der Kippe steht. Vor allem dort, wo Eltern nicht willens oder in der Lage sind, ihre Kinder voranzubringen, ist die Gesellschaft am Zug. Dass sie dabei zu versagen droht, zeigen die neuesten Pisa-Erkenntnisse. Trotz aller Reformbemühungen hängt es in diesem Land mehr denn je von der Herkunft eines Kindes ab, was aus ihm wird. Wer hier nicht durch Veränderungen im Schulsystem gegensteuert, das nicht fördert, sondern aussortiert und die meisten Migrantenkinder in die von ihnen bereits dominierte Restschule abschiebt, der riskiert, dass sich die Lage zuspitzt. Ebenso kurzsichtig ist es, unter dem Druck leerer Kassen die Mittel für Sozialarbeit und Sprachkurse zu kürzen, statt sie, wo erforderlich, zu erhöhen. Die Reparaturarbeiten, das ist gewiss, werden ein Vielfaches kosten. Ohne Zweifel - für das Miteinander müssen beide Seiten etwas leisten, also auch die Einwanderer. Der Staat wird jedoch nicht umhin kommen, sich Integration weiter etwas kosten zu lassen. Nur so kann der Teufelskreis, dass Armut immer wieder Armut gebiert, unterbrochen werden. Erst wenn die heutigen Migrantenkinder zu qualifizierten Leuten mit Job und Zukunft heranwachsen, werden sie selbst alles daran setzen, dass auch ihre Kinder in dieser Gesellschaft erfolgreich sind.

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