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Südwest Presse: Leitartikel: S-Bahn-Schläger

    Ulm (ots) - LEITARTIKEL ·  S-BAHN-SCHLÄGER Gewalt, die sprachlos macht

    Drei Tage nach München-Solln, drei Tage, nachdem ein 50-Jähriger für seinen Mut, dazwischen zu gehen, also für die gern beschworene Zivilcourage, mit dem Leben bezahlt hat, drei Tage danach ist über Gewalt zu reden. Nicht nur über die Gewalt zweier Halbwüchsiger, die vor einer kriminellen Karriere standen und diesen Mann auf dem Gewissen haben; auch nicht nur über die Gewalt von Amokläufern. Sondern über die Allgegenwart von Gewalt, die so nahe liegt, ob wir wollen oder nicht. Es ist die Gewalt des Alltags, die sich oft umso brutaler äußert, je düsterer die Perspektiven von Menschen sind, je schlechter ihre Aussichten auf Erfolg in einer auf Erfolg getrimmten Gesellschaft. Es ist die Gewalt auf Schulhöfen. Es ist die Gewalt in den Medien; beileibe nicht nur in den neuen, also in Computertötungsspielen oder im Internet, sondern auch die Gewalt, die eingezogen ist ins Fernsehvorabendprogramm, grad so, als ob blutrünstige, mörderische, todesvolle Fernsehabende nicht genügten. Es ist die Gewalt von Kriegen, die uns wie in Afghanistan mehr und mehr betreffen, weil deutsche Soldaten nicht nur durch Gewalt bedroht sind, sondern aus Angst um ihr Leben selber Gewalt ausüben. Eine Gesellschaft, die so umgeben ist von Gewalt, in der Gewalt etwas Gewöhnliches ist, muss sich nicht wundern, wenn Gewalt wächst. Es gibt den Kontext zwischen dieser geduldeten gesellschaftlichen Gewalt und ihren Gewalttätern. Dennoch liefert der Zustand der Gesellschaft für Momente, wie sie sich am Samstag auf dem S-Bahnhof in München-Solln ereignet haben, wie in Winnenden oder Eislingen, keine hinreichenden Erklärungen. So sehr Rufe berechtigt sein mögen nach weiteren Verschärfungen des Waffenrechts oder nach Amok-Einsatzplänen oder nach besserer Bildung oder mehr Erziehung durch Elternhäuser oder nach Frühwarnsystemen an Schulen - nach jeder neuen Gewalttat sind wir fassungslos, sprachlos, fragen nach dem Sinn. Doch die Antwort kann nur lauten: Sinnlosigkeit. Also bleibt Ratlosigkeit. Stilles Schweigen tritt an die Stelle des Alleserklären und Alleserklärbaren. In Momenten, in denen die Opfer in den Mittelpunkt rücken, während der Gedenkstunden, zeigt das Land immerhin, dass es noch fähig ist, kollektiv zu trauern. Doch unmittelbar danach gewinnt die Suche nach dem Sinn wieder die Oberhand. Wenn Gewalt nicht erklärbar ist, sollte dennoch überlegt werden, wie der Staat seine Bürger am besten vor Gewaltübergriffen schützt, für Sicherheit sorgt. Die Bundeswehr und ihre Bündnispartner sorgen für die Abwehr äußerer Angriffe. Eine vernünftige Wirtschaft und Wirtschaftspolitik sollen - wenigstens in der Theorie - ökonomische Sicherheit schaffen. Die Polizei ist für die innere Sicherheit zuständig. Natürlich hat sie gegen Gewaltexzesse wie in München-Solln keine präventiven Mittel zur Hand, so wenig wie schärfere Gesetze dagegen helfen würden. Doch muss für die Polizei gelten, was die jüngste Erkenntnis über die Bundeswehr im Afghanistan-Desaster ist: Wenn ein Land seine Soldaten schon in den Krieg schickt, dann sollte es sie wenigstens bestens ausrüsten; wenn ein Land von seiner Polizei erwartet, dass sie die Bevölkerung optimal schützt, sollte es diese Polizei personell, materiell, organisatorisch so ausstatten, dass sie gegenwärtiger sein kann im öffentlichen Raum, an den in jeder Stadt bekannten Brennpunkten. Das Eine bedingt das Andere: Nur eine stark erscheinende Polizei, eine präsente, ermutigt Menschen, zu tun, was den 50-jährigen Münchner Geschäftsmann das Leben gekostet hat: den Mut zusammenzunehmen, wenn's drauf ankommt. Eine Ende der Zivilcourage wäre der Anfang vom Ende der zivilisierten Gesellschaft.

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