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21.01.2021 – 07:03

Conference on Jewish Material Claims Against Germany, Inc.

Marina Weisband im Gespräch mit Rüdiger Mahlo anlässich des Internationalen Holocaust Gedenktages

„Die Erinnerung nicht zum Ritual vertrocknen lassen“

Marina Weisband im Interview über den 27. Januar 2021

Berlin/Frankfurt Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages hat der Repräsentant der Claims Conference, Ruediger Mahlo im Rahmen der Veranstaltungsreihe ZACHOR ein Gespräch mit der Politikerin Marina Weisband über den Zustand und die Zukunft des Gedenkens an die Shoah 76 Jahre nach der Befreiung und Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus und Holocaustrelativierung geführt.

Sehen Sie das ganze Gespräch auf unserem Youtube Kanal https://www.youtube.com/c/JewishClaimsConference ab Donnerstag, dem 21. Januar 2021

„Die Erinnerung nicht zum Ritual vertrocknen lassen“

Marina Weisband im Interview über den 27. Januar 2021

Berlin/Frankfurt, 21.01.2021 Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages hat der Repräsentant der Claims Conference, Ruediger Mahlo im Rahmen der Veranstaltungsreihe ZACHOR ein Gespräch mit der Politikerin Marina Weisband über den Zustand und die Zukunft des Gedenkens an die Shoah 76 Jahre nach der Befreiung und Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus und Holocaustrelativierung geführt.

Sehen Sie das ganze Gespräch auf unserem Youtube Kanal https://youtu.be/9t4TdFjBWW8 ab Donnerstag, dem 21. Januar 2021

Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland, dazu:

„In Politik und Gesellschaft wird die Bedeutung der Holocaustvermittlung hervorgehoben. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass jüngere Generationen mit dem Begriff Auschwitz teilweise nichts anfangen können. Als einer der größten Förderer von Bildungsprojekten setzen wir uns als Claims Conference in Zeiten zunehmender Holocaustrelativierung und -leugnung nachdrücklich für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Shoah-Vergangenheit ein.

Zugleich wollen wir dazu beitragen, die jüdischen Perspektiven auf die Erinnerung an die Shoah zu stärken. So wie Marina Weisband es in unserem Gespräch fordert, dürfen wir die jüdische Erinnerungsperspektive nicht aus dem Blick verlieren. Denn sie unterscheidet sich wesentlich von denen einer Mehrheitsgesellschaft, die nicht unmittelbar betroffen ist.“

Die Erinnerung an die Shoah ist zentraler Bestandteil des öffentlichen Diskurses. Studien der Claims Conference in verschiedenen Ländern zeigen jedoch deutliche Wissenslücken bei Jugendlichen – viele kennen weder Ursachen noch den Verlauf oder Orte der Massenverbrechen. Die Vermittlung der Shoah steht mit wachsendem zeitlichem Abstand und einer zunehmend von Vielfalt geprägten Gesellschaft mit Menschen, die keine direkten familienbiographischen Bezüge zur NS-Vergangenheit haben, vor großen Herausforderungen.

Zum Tag der Befreiung von Auschwitz gedenkt der Deutsche Bundestag alljährlich in einer Gedenkstunde der Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr wird mit Marina Weisband erstmals eine jüdische Stimme der dritten Generation nach der Shoah neben Dr. Charlotte Knobloch, die den Holocaust im Versteck überlebte, die Gedenkstunde als Rednerin gestalten.

Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Marina Weisband und Rüdiger Mahlo, JCC zum 27. Januar 2021

Rechte: The Conference of Jewish Material Claims Against Germany (JCC)

Rüdiger Mahlo: Waren Sie überrascht über die Einladung des Parlamentspräsidenten und was ging Ihnen als erstes durch den Kopf?

Marina Weisband: [Es ist] natürlich eine große Ehre, aber auch Herausforderung, als Vertreterin einer Generation zu sprechen, die in nichts so ist wie ich. Wir sind alle verschieden. Wir haben alle unsere eigenen Zugänge zu Identität, zum Umgang mit Erinnerung. Das alles zu repräsentieren ist für eine Person unmöglich. Das heißt, ich habe zehn Minuten Zeit, um etwas Unmögliches zu tun.

Es betrifft auf intimste Weise meine Familie und die Traumata, die an uns vererbt werden und die ich vielleicht sogar noch an meine Tochter vererben werde.

Mahlo: Was verbinden Sie persönlich mit dem Gedenktag?

Weisband: Der Gedenktag am 27. Januar hat sehr viel mit deutscher Gedenkkultur zu tun. Wir sollten in Zukunft stärker unterscheiden zwischen der deutschen Gedenkkultur und der jüdischen Gedenkkultur, weil die beiden Phänomene verschieden ausgeprägt sind und auch verschiedene Zielsetzungen haben.

Ich glaube, dass es für die deutsche Gesellschaft sehr viel um Versöhnung geht. Und für mich persönlich geht es an diesem Tag ums Lernen, um das Tragen dessen, was mir übertragen wurde als junge Jüdin, Teil dieser Schicksalsgemeinschaft zu sein. Ich kann nicht sagen: "Oh, das ist ein Thema, für das ich mich nicht interessiere".

Ich habe keine Wahl, als mich qua Geburt dafür zu interessieren, weil es nicht nur meine Identität betrifft. Es betrifft auf intimste Weise meine Familie und die Traumata, die an uns vererbt werden und die ich vielleicht sogar noch an meine Tochter vererben werde.

Mahlo: Ich sehe, dass die Generation der Überlebenden der Shoah dafür gekämpft hat, dass man überhaupt an die Shoah erinnert. Die Kinder der Überlebenden haben dafür gesorgt, dass die Erinnerung institutionalisiert wird. Welche Aufgabe an die Erinnerung hätte die dritte Generation, also die Enkelkinder der Überlebenden des Holocausts?

Weisband: Wenn etwas institutionalisiert wird, läuft es Gefahr trocken und ritualisiert zu werden. Ich glaube, es ist die Herausforderung der dritten Generation es nicht zu Ritualen verkommen zu lassen, die leer sind, sondern ein tieferes Verständnis der Shoah zu vermitteln.

Wir jungen Juden müssen aufpassen, nicht zu einem Mahnmal zu werden.

Genauso wenig, wie ich sagen kann, was die richtige Art ist, um einen lieben Menschen zu trauern, kann ich sagen, was die richtige Art ist, um all die Menschen zu trauern, die dieses Leid erlebt haben.

Ich glaube nicht, dass es für das richtige Gedenken eine Formel gibt. Es gibt ein paar Fallen, in die man tappen kann, wenn man öffentlich gedenkt. Da müssen wir jungen Juden auf mehrere Sachen aufpassen. Erstens, dass wir nicht zu einem Mahnmal werden in unserer Person. Und das ist schwer, weil das meiste, was Deutsche mit Juden assoziieren, ist die Shoah. Wir werden immer nur dann sichtbar, wenn man uns hervorholt, um zu gedenken. Das ist nicht richtig. Wir sind auch echte Menschen. Wir sind nicht schwarz/ weiß – und das ist schwierig zu vermitteln.

Viele Elemente der deutschen Erinnerungskultur streben nach Vergebung, die wir nicht erbringen können.

Das Zweite, was schwierig ist zu vermitteln: wir können den Deutschen nicht vergeben. Nicht weil wir vielleicht persönlich so wütend sind auf die jetzige Generation, sondern weil man nicht für einen anderen Menschen vergeben kann. Viele Elemente der deutschen Erinnerungskultur streben nach Vergebung, die wir nicht erbringen können, nicht einmal, wenn wir wollten. Das ist etwas, worauf wir aufpassen müssen, dass sich niemand von uns je hinstellt und irgendjemanden von dieser Verantwortung freispricht.

Mahlo: Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist nach 1945 wesentlich liberaler und offener geworden. Gleichzeitig ist der Antisemitismus in seinen verschiedenen Facetten gewalttätiger geworden und auch Holocaustleugnung und -relativierung nehmen zu. Haben Sie eine Antwort, wie diese beiden Dinge zusammenpassen?

Antisemitische Einstellungen sind nicht nur eine Meinung, sondern sind auch eine menschenfeindliche Handlung.

Weisband: Wir haben nicht mehr so starke Institutionen, die uns vorgeben, was sagbar ist und was nicht sagbar ist. Die Institutionen von Medien, Religion, und hier ist die christliche Religion gemeint, das übereinander Urteilen im öffentlichen Raum ist schwächer geworden – und das hat Vor- und Nachteile. Der große Vorteil ist, dass wir alle viel besser unsere eigene Wahrheit leben können, viel besser uns verwirklichen können, sein können, wer wir sind.

Der Nachteil ist: durch eine Zersplitterung der Öffentlichkeit ist es auch leichter geworden, Dinge zu sagen, die eigentlich gesellschaftliche Grenzen überschreiten. Und gerade im Internet trauen Menschen sich das viel mehr. Das hat nichts damit zu tun, dass die Menschen das vorher nicht gedacht hätten.

Man kann jede Meinung haben, die man will, aber handeln sollte man nicht nach jeder Meinung. Das Kommunizieren darüber, dass Juden etwa schuld an Corona seien, ist nicht nur eine Meinung. Es ist auch eine Handlung. Es ist eine Handlung, die aufwiegelt und die viele Menschen so wütend macht, dass es wahrscheinlicher wird, dass sie Terror verüben. Das haben wir gesehen in Halle, das haben wir gesehen in Christchurch, das haben wir gesehen in Hanau.

Die Digitalisierung ermöglicht es, die Vergangenheit in unsere Gegenwart zu vermitteln.

Mahlo: Wenn wir Digitalisierung und Erinnerung zusammendenken: welche Möglichkeiten sehen Sie, die bis jetzt noch nicht genutzt wurden?

Weisband: Ich sehe, dass es neue Erinnerungsformate gibt, die interaktiver sind, die weniger trocken sind, bei denen man sich stärker hineinversetzen kann in Menschen, die Erlebnisse der Vergangenheit unmittelbarer machen.

Eine der Techniken, auf die ich tatsächlich setze, ist die Möglichkeit, durch künstliche Intelligenz alte Videoaufnahmen hoch zu skalieren, die Auflösung zu verbessern und sie in Farbe zu setzen. Das klingt erst einmal trivial, aber ich finde, es verändert sehr viel, wenn man Menschen ihre Farbe zurückgibt.

Das erleichtert das Verständnis der Shoah und zeigt, dass die Vergangenheit nicht abstrakt ist, sondern dass es Menschen waren, genau wie wir. Dass sie morgens aufgestanden sind und sich Sorgen gemacht haben und gestolpert sind. Die Chance sehe ich also darin, die Zeugnisse, die wir aus der Zeit noch haben, näher in unsere Gegenwart zu holen.

The Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference)
Sophienstraße 26
60325 Frankfurt am Main