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20.09.2019 – 11:03

Stiftung Gesundheitswissen

Welt-Alzheimertag: Neuroleptika bei Alzheimer-Demenz - Schaden kann Nutzen überwiegen

Berlin (ots)

Über 40 Prozent aller Heimbewohner, die an Demenz leiden, erhalten dauerhaft Neuroleptika um psychische- und Verhaltenssymptome wie Aggressivität, Reizbarkeit und Unruhe zu lindern. In ihrem aktuellen Studien-Check zeigt die Stiftung Gesundheitswissen (SGW), dass der Schaden den Nutzen bei zwei der häufig eingesetzten Neuroleptika bei Alzheimer-Demenz nach aktuellem Stand der Forschung insgesamt überwiegt.

Untersucht wurde im Studien-Check die wissenschaftliche Beweislage zum Nutzen und Schaden der Neuroleptika Haloperidol und Risperidon bei Alzheimer-Demenz. Eingang in die Untersuchung fanden insgesamt 11 randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs). Das Ergebnis: Sowohl bei Haloperidol als auch bei Risperidon überwiegt nach aktuellem Stand der Forschung der Schaden den Nutzen. Mit Nutzen ist in diesem Zusammenhang die Verbesserung der Symptome gemeint, mit Schaden das Auftreten von Nebenwirkungen der Medikamenteneinnahme.

Inwiefern kann die Einnahme von Risperidon oder Haloperidol Menschen mit Demenz schaden?

In fünf der sechs berücksichtigten Studien zum Nutzen und Schaden von Risperidon haben die Patienten und Patientinnen, die Risperidon erhielten, deutlich mehr Nebenwirkungen als diejenigen, die ein Scheinmedikament bekamen. Auch in den fünf Studien zum Nutzen und Schaden von Haloperidol haben die Patienten und Patientinnen, die Haloperidol erhielten, mehr Nebenwirkungen, als diejenigen, denen ein Scheinmedikament verabreicht wurde. Dabei handelt es sich um vermehrte Muskelanspannungen, Gang- und Sprachstörungen sowie Händezittern. Die Symptome ähneln denen von Patienten und Patientinnen, die unter der Parkinsonkrankheit leiden. Fünf Studien registrierten mehr Todesfälle in der Risperidon-Gruppe.

Wie sind diese Ergebnisse einzuschätzen?

Zwar sind die zu diesem Thema bisher vorhandenen Studien nicht frei von Mängeln oder es ist unklar, ob sie fachgerecht durchgeführt wurden. Das schränkt die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ein. Alles in allem zeigt der Studien-Check der Stiftung Gesundheitswissen jedoch, dass der Nutzen von Haloperidol und Risperidon zur Behandlung von Verhaltenssymptomen und psychischen Beschwerden bei Alzheimer-Patienten gering ist und die Nebenwirkungen beträchtlich sind. Bereits 2013 kamen die Autoren eines Cochrane-Reviews nach der Durchsicht von insgesamt 13 Studien zu dem Schluss, dass es keinen Unterschied macht, ob ältere Menschen mit Demenz eine Neuroleptika-Therapie (nach einer Einnahmezeit von mindestens drei Monaten) absetzen oder fortführen. Auch nach dem Update der Cochrane-Meta-Analyse von 2018 erweist sich ein Beibehalten der Neuroleptika-Therapie lediglich für bestimmte Gruppen als vorteilhaft, z. B. für Patienten mit schweren Symptomen. "Angesichts dieser Ergebnisse sollte der weit verbreitete, dauerhafte Einsatz von Neuroleptika bei Menschen mit Demenz hinterfragt werden," fordert Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen. Dies verstoße auch gegen die Leitlinien, so Suhr.

Mit dem aktuellen Studien-Check der Stiftung Gesundheitswissen können auch pflegende Angehörige gemeinsam mit dem Arzt eine gute Lösung für die Behandlung des von ihnen betreuten Menschen mit Demenz finden.

- Direkt zum Studien-Check Haloperidol: http://ots.de/9q87z9

- Direkt zum Studien-Check Risperidon: http://ots.de/5C1DK7 

Hintergründe zum Studien-Check "Neuroleptika bei Alzheimer-Demenz":

Wie ist die Stiftung Gesundheitswissen bei ihrer Analyse vorgegangen?

Ausgangspunkt des Studien-Checks bildete eine breite, systematische Literaturrecherche in den relevanten Datenbanken. Gesucht wurde nach randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) und Meta-Analysen aus RCTs, die zur Fragestellung passten. Anhand vorher festgelegter Kriterien wurde die vorgefundene Literatur von zwei Personen unabhängig voneinander gesichtet und geprüft. Nicht geeignete Studien wurden dabei ausgeschlossen. Aus den am Ende ausgewählten Studien wurden die Informationen zu Nutzen und Schaden entnommen, geprüft und zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt (Evidenzsynthese). Berücksichtigt für die Einschätzung des Nutzens und Schadens von Risperidon und Haloperidol bei Menschen mit Alzheimer-Demenz wurden randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs), die die Einnahme von Risperidon bzw. Haloperidol der Verabreichung eines Scheinmedikaments (Placebo) gegenüberstellten. Bei der Untersuchung von Risperidon fanden fünf Studien Eingang in die Analyse, bei Haloperidol waren es insgesamt sechs. Der aktuelle Studien-Check entstand in Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Demenz-Experten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).

Ausführliche Informationen zur Arbeitsweise der Stiftung Gesundheitswissen finden Sie in unserem "Methodenpapier zur Erstellung und Evaluation von evidenzbasierten Gesundheitsinformationen".

Wie entstehen psychische und Verhaltenssymptome bei Menschen mit Demenz?

Psychische Probleme und Verhaltenssymptome entstehen, weil es durch eine Demenz zu Schädigungen und Fehlfunktionen des Gehirns kommt. Dabei ist vor allem die Weiterleitung von Signalen im Gehirn durch Botenstoffe gestört. Ausgelöst werden die Symptome zumeist dadurch, dass sich Umweltbedingungen ändern, wie beispielsweise die Wohnumgebung, der Geräuschpegel oder die Kommunikation mit den Erkrankten.

Auszug aus der S3-Demenz-Leitlinie zu Neuroleptika (Antipsychotika): "55 Die Gabe von Antipsychotika bei Patienten mit Demenz ist wahrscheinlich mit einem erhöhten Risiko für Mortalität und für zerebrovaskuläre Ereignisse assoziiert. Es besteht wahrscheinlich ein differenzielles Risiko, wobei Haloperidol das höchste und Quetiapin das geringste Risiko hat. Das Risiko ist in den ersten Behandlungswochen am höchsten, besteht aber wahrscheinlich auch in der Langzeitbehandlung. Es besteht ferner wahrscheinlich das Risiko für beschleunigte kognitive Verschlechterung durch die Gabe von Antipsychotika bei Demenz. Patienten und rechtliche Vertreter müssen über dieses Risiko aufgeklärt werden. Die Behandlung soll mit der geringstmöglichen Dosis und über einen möglichst kurzen Zeitraum erfolgen. Der Behandlungsverlauf muss engmaschig kontrolliert werden. Empfehlungsgrad A, Evidenzebene Ia und III"... (S. 72, http://ots.de/yROfhl)

Der Studien-Check ist Teil einer multimedialen Informationskampagne der Stiftung Gesundheitswissen (SGW) und des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zur Woche der Demenz.

Über die Stiftung Gesundheitswissen:

Die gemeinnützige, operative Stiftung Gesundheitswissen mit Sitz in Berlin will die Kompetenz von Menschen in Deutschland im Hinblick auf Gesundheit und Prävention stärken und die Informationsasymmetrien zwischen Arzt und Patient abbauen. Dazu erstellt sie u.a. laienverständliche Gesundheitsinformationen auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, zeigt Präventionsmöglichkeiten sowie Behandlungsalternativen auf und fördert das Gesundheitswissen im Allgemeinen. Stifter ist der Verband der Privaten Krankenversicherung.

Pressekontakt:

Una Großmann
Leiterin Kommunikation
una.grossmann@stiftung-gesundheitswissen.de
T +49 30 4195492-20

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