Franckesche Stiftungen

Erster internationaler Apothekenversandhandel in Deutschland entstand am Halleschen Waisenhaus

Reiseapothe mit Glasflaschen und Pulverbriefchen (um 1740) in der Ausstellung "Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert" in den Franckeschen Stiftungen ©Jörg Gläscher
Reiseapothe mit Glasflaschen und Pulverbriefchen (um 1740) in der Ausstellung "Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert" in den Franckeschen Stiftungen ©Jörg Gläscher
Die Welt des Wissens im Barock

Vom Zaren in Russland über die südindische Landbevölkerung bis hin zu den Siedlern in Nordamerika reichten die Abnehmer der Medikamente des Halleschen Waisenhauses August Hermann Franckes im 18. Jahrhundert.

1698 legte der Theologe und Pietist August Hermann Francke (1663-1727) den Grundstein für das Hallesche Waisenhaus als Nukleus einer Schulstadt, der heutigen Franckeschen Stiftungen, die in vielerlei Hinsicht einzigartig ist: Neben dem ältesten Schulgarten Deutschlands ist von der Bibliothek bekannt, dass sie Anfang des 18. Jahrhunderts zu den umfangreichsten ihrer Zeit zählte und ihr Bestand zeitweise größer war als der der hallischen Universitätsbibliothek. Die aktuelle Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen "Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert" lenkt jetzt den Blick auf die Medikamenten-Expediton des Halleschen Waisenhauses. Dr. Claus Veltmann, Kustos des Waisenhauses und Kurator der Ausstellung ist sich sicher: "Mit der Medikamenten-Expedition hat Francke nicht nur seine Idee der Bildung für alle finanziell absichern können, er gründete hier vielmehr den ersten internationalen Apothekenversandhandel in Deutschland".

1698 etablierte der Stiftungsgründer eine Apotheke zur kostengünstigen Versorgung mit Medikamenten der mit seiner Schulstadt verbundenen Menschen. Von Anfang an wurden einmal in der Woche im Rahmen einer Sprechstunde unentgeltlich Arzneimittel an Arme und Bedürftige ausgegeben. Nachdem Johann Juncker (1679-1759) 1716 die Stelle als Anstaltsarzt übernommen hatte, stieg die Zahl der Patienten in der Sprechstunde auf monatlich über 1.000. Juncker ist bis heute durch die Einführung der Famulatur bekannt, der Ausbildung von Medizinstudenten am Krankenbett, wie er sie am Halleschen Waisenhaus praktizierte. Francke erkannte, dass der Medikamentenhandel auch seinen gesellschaftlichen Reformzielen im christlich-pietistischen Sinn dienlich sein könnte. 1704 führte er in einer programmatischen Schrift, dem sog. "Großen Aufsatz" aus, man solle "dieselbige Arzeneyen in weit entlegenen Ländern, und zum theil auch in andern theilen der Welt [...] vertreiben, so ist im geringsten nicht zu zweiffeln, daß nicht durch dieselbige allenthalben der allerbequemste Eingang in die Gemüther und gleichsam eine Thür, die Seelen Gott zu zuführen, erlanget werden könnte."

Schon 1701 war die sogenannte Medikamenten-Expedition des Halleschen Waisenhauses aus der Apotheke herausgelöst worden. Sie widmete sich unter der Leitung von Christian Friedrich Richter (1676-1711) der Herstellung von Arzneimitteln, garantierte eine gleichbleibend hohe Qualität und übernahm den überregionalen bzw. internationalen Vertrieb. Da beim Versandhandel eine Beratung wie zur Sprechstunde am Halleschen Waisenhaus nicht erfolgen konnte, wurden die Medikamente von einer Anleitung zur Selbstmedikation begleitet. Richters "Kurtzer und deutlicher Unterricht Von dem Leibe und natürlichen Leben des Menschen: Woraus ein jeglicher / auch Ungelehrter erkennen kann/ Was die Gesundheit ist und wie sie zu erhalten" wurde bis 1791 in 18 Auflagen gedruckt und weltweit vertrieben. Bis zu 30 Medikamente konnten heute ermittelt werden, die in Richters Standardwerk der medizinischen Literatur beschriebene Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Ohnmacht, Fieber, Gicht oder Schwäche im Wochenbett lindern sollten. Sie wurden einzeln und in unterschiedlichen Mengen vertrieben, wobei auch standardisierte Sets im Angebot waren.

Ein dichtes Netz von Verkaufsstellen für Waisenhausmedikamente entstand im Deutschen Reich und erreichte auch die damalige katholische Metropole Wien. Gleichzeitig wurden hallische Arzneien in alle protestantischen Regionen Europas exportiert, zu denen das Hallesche Waisenhaus Kontakt hatte: so z. B. nach Litauen, Ungarn, Siebenbürgen oder Dänemark. Wichtigster europäischer Markt für die Waisenhausarzneien wurde jedoch Russland. Die Einfuhr erfolgte über Archangelsk am Weißen Meer, dem damals wichtigsten russischen Hafen für den Handel mit West- und Mitteleuropa, später auch über St. Petersburg. Zu den Verkaufsschlagern gehörte die Essentia Dulcis des Halleschen Waisenhauses. Mit dieser Goldtinktur erreichten die hallischen Pietisten auch den Zaren in Russland. "Die Frau Obristen von Campenhausen hat geschrieben, und Erinnerung gethan, daß die letztgesandte Essentia dulcis nicht so schiene zu seyn, wie die so Ihr. Czarische Mayst. vormals erhalten. daraus auch eine Probe mit gesandt worden. Hierauf ist geantwortet, daß diese noch beßer sey.", notierte Francke am 30. November 1716 in sein Tagebuch.

Der erste außereuropäische Absatzmarkt für die hallische Medizin war Indien, wo ab 1706 in Tranquebar die erste protestantische Mission, die Dänisch-Hallesche Mission, von in Halle bei Francke ausgebildeten Theologen aufgebaut wurde. Hier wurden die Arzneien zur unentgeltlichen Behandlung von Kranken genutzt, wobei die medizinischen Aktivitäten sich positiv auf die Bekehrung auswirken sollten.

In Nordamerika wurde das pharmazeutische Angebot der Medikamenten-Expedition um die Mitte des 18. Jahrhunderts stark nachgefragt. Vor allem in Pennsylvania entfaltete das innovative System des hallischen Medikamentenhandels seine Wirkung. Die Anleitung zur Selbstmedikation war auf die Bedürfnisse der Siedler zugeschnitten, die oft weit entfernt vom nächsten Arzt wohnten. Zudem waren die hallischen Pastoren in medizinischen Grundkenntnissen ausgebildet und konnten die Mitglieder ihrer ländlichen Gemeinden behandeln. Diese bekamen die Medikamente kostenlos, Mitglieder anderer deutschsprachiger Gemeinden mussten sie kostenpflichtig erwerben. Um die Pfarrer herum bildeten sich kommerzielle Netzwerke zum Handel mit Medikamenten und Büchern aus Halle. Damit stiegen in den Jahren 1761-1770 die Einnahmen der Medikamenten-Expedition auf das 4-fache (30.450 Reichsthaler) im Vergleich zu den Jahren 1710-1720 (9.000 Reichsthaler) an. In Europa erwirtschaftete allein der Handel mit Russland im Jahr 1709 4.846,56 Rubel. (Der Monatslohn des Ökonomen betrug 1714 2 Reichsthaler, 16 Groschen).

Werbung, systemischer Ansatz und Standardisierung machten es möglich, dass die Medikamenten-Expedition als erste international agierende Versandapotheke zu einem innovativen Pharma-Großunternehmen des 18. Jahrhunderts geworden war. Untrennbar mit dem Halleschen Waisenhaus verbunden, bildete sie einen wichtigen Bestandteil der universalen Reich-Gottes-Arbeit Franckes.

INFORMATIONEN ZUR JAHRESAUSSTELLUNG

Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert

Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen

17. März -16. September 2018

Di-So 10-17 Uhr

Franckeplatz 1, Haus 1, 06110 Halle (Saale)

Eintritt 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei

Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher KATALOG u.a. mit einem Beitrag von Claus Veltmann zur Medikamenten-Expedition: "Arzeneyen in weit entlegenen Ländern zu vertreiben". Die Medikamenten-Expedition der Franckeschen Stiftungen

Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert.

Hrsg. von Anne Schröder-Kahnt und Claus Veltmann. Halle 2018.

(Kataloge der Franckeschen Stiftungen, 35). 216 S., 162 Abb., EUR 26,00; ISBN 978-3-447-10967-3

Franckesche Stiftungen I Franckeplatz 1, Haus 1 I 06110 Halle (Saale)
Historische Schulstadt I Historisches Waisenhaus I Kunst- und Naturalienkammer I
Historische Bibliothek
Öffnungszeiten Informationszentrum im Francke-Wohnhaus und Ausstellungen : Di-So
und feiertags 10-17 Uhr
Eintritt: 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder bis 18 Jahre Eintritt frei
www.francke-halle.de 



Das könnte Sie auch interessieren: