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Der Hammerhai vom Glandon: ein ganz normaler Tag einer Rennradreise! Katha von vinje cycling beschreibt ihre Eindrücke auf einer Rennradtour über den Col du Glandon in Frankreich

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August 2016. Wir sind in Saint-Jean-de-Maurienne, einer kleinen gemütlichen Stadt in den französischen Alpen, Département Savoie. Ein Paradies für Rennradfahrer, denn von hier aus kann man so einige bekannte Pässe und Strecken fahren, wie den Col de Madeleine, den Col de la Croix de Fer, die Lacets de Montvernier und den Anstieg nach la Toussuire, um nur einige zu nennen. Und den Col du Glandon, der bei uns heute auf dem Programm steht. Es gibt hier viel zu entdecken, aber eines haben alle diese Strecken gemeinsam: sie befinden sich in einer unbeschreiblich schönen und faszinierenden Landschaft, die einem jede Steigung erträglich macht. Ich wundere mich darüber, relativ wenige Rennradfahrer hier zu sehen. Vereinzelt einige Spanier und Engländer, kaum Deutsche. Vor einigen Tagen bin ich das letzte Stück zum Col de la Croix de Fer mit einem unbekannten Mann gemeinsam gefahren, und als wir oben waren und uns verabschiedeten, hörte ich einen deutschen Akzent heraus. Eine Ausnahme während unserer Woche hier.

Mein Mann und ich machen uns abfahrbereit. Aufgrund unserer Essgewohnheiten sind Selbstversorger. Wir löffeln unsere am Vorabend in Mandelmilch getränkten Hirseflocken und kleistern uns die 50er-Sonnencreme auf Arme und Beine. Nervig, aber es nützt nichts; wir sind beide blond mit Rotstich. Heiß und sonnig, sagt die Wetterapp. Unser Wetter! Wir sind in der letzten Woche viel gefahren, aber die Ehrfurcht vor dem Berg verschwindet nie so ganz. Vielleicht, weil wir aus Hamburg sind. Den sperrigsten Pass haben wir uns für den letzten Tag aufgehoben, für heute. Ich bin ein bisschen aufgeregt, freue mich auf den Tag, die Tour, über die Sonne und die Hitze. Über mein Bike und darüber, das schönste Hobby der Welt zu haben. Mein Mann setzt seinen Helm auf und lacht mich an, ihm geht es genauso. Unser Kater gähnt und verkriecht sich unter der Bettdecke, auch er hat es gern warm. Er ist in Frankreich geboren und darf jedes Jahr im Sommer mit uns zurück in seine Heimat reisen. Eigentlich ist er aus Paris. Wahrscheinlich weiß er das aber nicht.

Wir sind die Strecke schon anders herum gefahren, über den Col de la Croix de Fer. Der liegt direkt neben dem Col du Glandon, keine 2 km entfernt, ein paar Meter höher. Ich weiß also, was kommt; zuerst ein paar km Hauptstraße, dann müssen wir erst die Lacets de Montvernier und dann die Straße zum Col de la Madeleine recht liegen lassen, in Saint-Etienne-de-Cuines, an der Kreuzung links, und dann hängt man auch schon in der Steigung.

Es kommt allerdings anfangs ein bisschen anders als erwartet. Kaum sind wir ein paar km aus Saint-Jean raus, als die Straße gerade leicht abschüssig ist und wir schön Tempo drauf haben, reißt mir plötzlich ein Hai den rechten Unterarm ab. Ich schreie auf, sehe zu meinem Arm, er ist doch noch dran, ein Glück. Es blutet nicht mal. Ich weiß nicht, was los ist, ich bin anscheinend mit etwas kollidiert. Wir fahren rechts ran und ich zupfe ungläubig und ein wenig empört einen Stachel aus meinem Arm. Ich frage mich, wer früher tot ist; die Biene oder ich. Wir fahren erst mal weiter. Ich bin Veganer und esse keinen Honig. Ich überdenke das kurz, bleibe aber wohl dabei.

Eine halbe Stunde Später, während wir den Anstieg in Angriff nehmen, vermute ich zumindest, dass ich nicht allergisch bin. Es ist mein erster Bienenstich. Ich habe irre Schmerzen im Arm, kann aber frei und tief durchatmen, nichts dreht sich außer der Räder, alles ok. Na dann geht's los. Wir sehen uns oben, sagen wir, weil wir am Berg unterschiedliche Rhythmen fahren. Die Steigung ist zu lang für Kompromisse. Unten in Saint Etienne haben wir das Bild mit der Stoppuhr passiert, an dem man die Startzeit nehmen soll. Wir fahren nicht auf Zeit, haben wir uns gesagt, natürlich nicht. Für den Fall, dass ich gut durchkomme, habe ich aber vorsichtshalber doch auf meinen Garmin geschielt. Man weiß ja nie, was so ein Bienenstich bewirkt.

Der erste Teil des Anstiegs ist oft schattig, hier stehen viele Bäume, man sieht den Pass noch nicht, aber einen Berg zur Linken. Der Schatten tut gut, es ist heiß. Ich greife mit dem Bienenarm zu meiner vorderen Flasche und will sie herausziehen, es geht nicht. Ich muss mit Links greifen, was für eine Umstellung. Auch diese Schwierigkeit meistere ich gekonnt. Nichts ausredetaugliches.

Die Kilometersteine helfen: In regelmäßigen Abständen von 1 km stehen die kleinen weißen Grabsteine mit gelbem Hut am Straßenrand und geben die bis zum Pass verbleibende Strecke, die aktuelle Höhe und die durchschnittliche Steigung auf dem nächsten km an. Links ist eine Pommesbude. Es wird flacher. Dann muss gleich die Ortschaft kommen, bei der man etwa die Hälfte der Strecke nach oben geschafft hat. Nur der Strecke, nicht der Höhe. Wie in jeder französischen Ortschaft dieser Region gibt es auch hier ein öffentliches WC. Ich nutze die Gelegenheit und lasse mir kurz kaltes Wasser über den Bienenarm laufen. Er ist knallrot und fühlt sich an, als ob ein Messer darin steckte. Ich sehe noch einmal genau hin, finde keins, und fahre weiter. Ich lasse mir von einem toten Insekt nicht vorschreiben, wann ich welchen Pass fahre.

Ich verlasse die Ortschaft, es bleibt noch relativ flach. Auf der Wiese rechts sind hellbraune Kühe. Komischerweise sind in Südfrankreich die meisten Kühe hellbraun. Oder beige. Vielleicht nennt sich die Farbe auch Café Crème oder Terracotta, ich bin da nicht so firm. Die Kuh, die an der Straße steht, nickt mir nachsichtig zu. Ich mag Kühe. Im Vorbeifahren winke ich ihr und sage "Bonjour". Gleich darauf sehe ich mich erschrocken um, aber es hat keiner mitbekommen. Die Straße biegt nach rechts, hier stehen wieder Bäume. Es wird steiler. Mir ist heiß. Mit links ziehe ich die vordere Flasche aus der Halterung, sie ist fast leer. Ich muss nun haushalten. Nicht mein Spezialgebiet. Da vorne sind drei Radfahrer. Endlich, ein Ziel. Ich lege ein µ an Tempo zu. Keine Ahnung, ob ich sie kriege. Ich lasse mir Zeit dafür.

Es geht schneller als erwartet. Drei braungebrannte junge Männer; was sie sagen, klingt holländisch. Als sie mich bemerken, wirken sie genervt. Sie ziehen das Tempo an, so dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich vorbei fahren kann. Mein Unterarm fühlt sich stark geschwollen an, vielleicht passe ich auch gar nicht vorbei. Ich riskiere es erst einmal nicht und bleibe hinter ihnen. Meine Erfahrung sagt mir, dass sie das Tempo bald wieder etwas drosseln werden. Müssen.

Von hinten kommt ein Italiener angefahren. Ich treffe an jedem Anstieg diesen Italiener im rosa Trikot, er ist klein und drahtig, wiegt kaum 60 kg und scheint das hier auf einer Pobacke abzureißen. Es ist wie mit dem Rosenverkäufer in den Bars, der ist auch überall zur gleichen Zeit. Mit dem Italiener habe ich bis jetzt ganz gute Erfahrung gemacht, und die Jungs vor mir wirken nicht mehr allzu frisch. Als der Italiener auf meiner Höhe ist, lächelt er freundlich. Ich wusste es, wir kennen uns! Ich lasse ihn an den Holländern vorbeifahren, gebe ihm noch etwas Vorsprung und gehe dann hinterher, ebenfalls an den Holländern vorbei. Einer davon (lustigerweise im orangefarbenen Trikot,) versucht, an mir dranzubleiben. Kann er gern. Ich versuche, den Abstand zu dem Italiener konstant zu halten. Das werde ich nicht bis oben schaffen, aber noch geht es. Der Holländer keucht. Ich gebe ihm noch zwei Kurven. Ich würde gern etwas Tempo rausnehmen, damit er durchatmen kann (und ich auch), aber dann wäre der Italiener weg. Ich habe übrigens meine Kamera an, ich filme den Anstieg. Erst, seitdem ich das zum ersten Mal gemacht habe, bin ich mir ganz sicher, dass ich mir den Italiener nicht nur einbilde. Vielleicht ist diesmal ja auch der Hai drauf.

Plötzlich verdunkelt sich die Sonne, und der Hai wirft einen Schatten auf die Straße. Der Form nach, eindeutig ein Hammerhai. Ich bin fast überrascht, als ich nach oben sehe, und es doch ein (sehr) großer Vogel ist. Vielleicht ein Adler. Die Landschaft hat sich verändert. Keine Bäume mehr, keine Holländer, nur ein kleiner Italiener irgendwo am gefühlten Horizont. Ein roter Paraglider zieht seine Kreise in etwa dort, wo ich hin möchte. Eine junge Frau mit enormen Waden überholt mich stehend und grüßt fröhlich. Ich bin beeindruckt und irritiert. Irgendwo rauscht Wasser. Oder sind es meine Ohren? Oder mein Arm? Auch meine zweite Flasche ist fast alle. Das macht nichts, denn langsam wird es so steil, dass ich den Lenker nicht mehr loslassen kann. 9% stand auf dem letzten Stein. Momentan dürften es nicht mehr als 7 sein, da kommt also gleich etwas auf mich zu. Es ist ein erfrischend grünes Tal zwischen zwei Felsen, ich hänge an der linken Wand. Dort, wo sich die Felsen treffen, ist das Ziel. Ich kann nun den Rest der Strecke sehen, die Straße windet sich die Wand hinauf. Hinter mir hat man einen fantastischen Blick über das gesamte Tal zwischen diesen beiden Felsen. Zum Glück kenne ich den schon von der Abfahrt neulich, denn Anhalten und Gucken geht nun nicht mehr. Ihr kennt ihn, diesen Punkt, ab dem man nicht mehr stehenbleiben darf, weil sonst alles zusammenbricht.

Eine Kurve weiter oben fährt ein betagter Mann mit freiem Oberkörper und großer Lenkertasche in Schlangenlinien. Der Weg ist das Ziel. Er wird es schaffen. Etwas weiter unten sammelt eine Familie Pilze. Oder macht ein Picknick, was weiß ich. Die Frau trägt ein rotes Oberteil, und ich frage mich, ob ich sie vorhin für den Paraglider gehalten habe. Die Straße wird so steil, dass ich kurz aufstehen muss. Dafür werde ich von einem Murmeltier ausgepfiffen. Oder von der Frau mit dem roten Shirt? Einem Murmeltier im Paraglider? Auf dem Rücken des Hammerhais? Hannibal der Hammerhai isst am liebsten Frühstücksbrei. Und schon bald, im nächsten Mai, kommt er aus der Kammer frei. So etwas passiert in meinem Kopf, wenn nichts mehr geht. Ich bin fast da.

Oben angekommen, gönne ich mir zuerst eine überteuerte Orangina und mache ein paar Fotos. Da vorne am Schild steht der Italiener, ihn fotografiere ich vorsichtshalber auch.

Kaum zurück im Hotel, finde ich das Foto von dem Italiener auf meinem Handy nicht wieder. Habe ich den Auslöser nicht richtig gedrückt? Ist ja auch ungewohnt, mit links.

Ich bin gespannt auf das Video.

Katha (Katharina Vinje) ist Gründerin von vinje cycling und bei den Touren selbst als Guide dabei.

Mehr Info: www.vinje-cycling.com

Kontakt:

Katharina Vinje

vinje cycling

Königstrasse 51

22767 Hamburg

katha@vinje-cycling.com

0174/3151061

Alle Fotos: vinje cycling. Col du Glandon


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