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Universität zu Köln

Belastungen für Pflegekräfte haben mit der zweiten Welle der Corona-Pandemie weiter zugenommen

Wissenschaftliche Studie zeigt die Herausforderungen und Belastungen im Pflegebereich während der Corona-Pandemie aus Sicht der Leitungskräfte auf

Wissenschaftler:innen des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Universität zu Köln (IMVR) haben Leitungskräfte aus ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland zur aktuellen Situation in der Pflege befragt. Die Studie fand unter Beteiligung von Expert:innen der Arbeitsgruppe Pflege, Gesundheit, Altern des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 statt. Das Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 ist ein Ad hoc-Zusammenschluss von über 25 wissenschaftlichen Fachgesellschaften aus dem Bereich Public Health, die hier ihre Fachkenntnis bündeln. An der Befragung haben 299 Leitungskräfte aus dem Pflegebereich teilgenommen. Durchgeführt wurde die Befragung sowohl zu Beginn der ersten Pandemiewelle im April 2020 sowie im Verlauf der zweiten Pandemiewelle zwischen Dezember 2020 und Januar 2021. Die Ergebnisse wurden nun als Studie unter dem Titel „Versorgung in Zeiten von Corona - Drohender Systemkollaps oder normaler Wahnsinn? 2. wissenschaftliche Studie zu Herausforderungen und Belastungen aus der Sichtweise von Leitungskräften“ veröffentlicht.

Die Studienergebnisse zeigen, dass sich das pflegerische Versorgungssystem in Deutschland zum Zeitpunkt der zweiten Befragungswelle weiterhin an der Belastungsgrenze befand. Im Verlauf der Corona-Pandemie haben sich die Herausforderungen und Belastungen zum Teil verschoben und verschärft. „Die COVID-19-Pandemie kann seit Ausbruch als eine Art Brennglas verstanden werden, das eine Vielzahl existierender struktureller Defizite offen gelegt hat, die von neuen Herausforderungen und Belastungen in der Langzeitpflege überlagert wurden“, so Privatdozent Dr. Timo-Kolja Pförtner vom IMVR.

Die Bewältigung der ersten Pandemie-Welle ging mit einer erheblichen Anzahl von an und mit COVID-19 verstorbenen Pflegebedürftigen einher. Mit dem Aufkommen der zweiten Pandemiewelle zum Jahresende 2020 rückten insbesondere wirtschaftliche Aspekte ins öffentliche und politische Bewusstsein. Zwar wurde der Pflege zu diesem Zeitpunkt in Deutschland weiterhin Beachtung geschenkt, sie erreichte aber nicht mehr das Niveau wie zu Beginn der Pandemie. „Mit unserer Studie möchten wir aufzeigen, mit welchen Herausforderungen und Belastungen Pflegeeinrichtungen auch im Rahmen der zweiten Welle zu kämpfen hatten“, erläutert Dr. Pförtner.

Als wesentliche Ergebnisse der Studie können hervorgehoben werden:

1. Testung von Pflegebedürftigen und Mitarbeiter:innen als neue Aufgabe: Bestand zu Beginn der Pandemie in der Beschaffung und dem Verbrauch von Schutzausrüstung noch eine zentrale Herausforderung und Belastung, hat sich diese im Zuge der zweiten Befragungswelle hin zur Testung von Pflegebedürftigen und Pflegebediensteten verschoben. Der mit der Testung einhergehende Mehraufwand wurde weitestgehend durch das Pflegepersonal getragen, welches auch im Zuge der zweiten Befragung mit Personalmangel und -ausfällen zu kämpfen hatte.

2. Sorge um das Wohlbefinden der Pflegebedürftigen und Mitarbeiter:innen: Die Auswirkungen der Pandemie auf das psychische Wohlbefinden der Pflegebedürftigen - und hier vor allem der demenziell erkrankten Menschen - bedeutet auch im Zuge der zweiten Befragung eine große Herausforderung und Belastung für die Pflegekräfte. Die Sorge um das Wohlbefinden der Pflegebedürftigen und Mitarbeiter:innen stellt daher im Verlauf der Pandemie eine zentrale Herausforderung und Belastung für Pflegeeinrichtungen dar.

3. Anlaufende Impfkampagne bringt Entlastung und zugleich Unsicherheit: Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass die im Zuge der zweiten Befragung bereits anlaufende Impfkampagne von Pflegebedürftigen und Pflegebediensteten für eine erste Entlastung gesorgt hat, dass sie aber auch mit einer Vielzahl von Unsicherheiten unter den Mitarbeitenden einhergeht. Es wird deutlich, dass sich zum Zeitpunkt der Erhebung ein Teil der Pflegebediensteten aufgrund fehlender und widersprüchlicher Informationen kritisch gegenüber einer Impfung zeigen.

4. Schlechterer Gesundheitszustand der Leitungskräfte und geringerer Präsentismus: Das Wohlbefinden der befragten Leitungskräfte hat sich den Einschätzungen zufolge im Zuge der Pandemie weiterhin verschlechtert. Verringert hat sich im Verlauf der Pandemie hingegen die Anzahl der Leitungspersonen, die obwohl sie erkrankt waren oder sich krank gefühlt haben, am Arbeitsplatz erschienen sind (Präsentismus): während in der ersten Welle 18 % der Befragten angaben, nie krank zur Arbeit zu gehen, waren es in der zweiten Welle 45 %.

5. Fachkräftemangel hat im Zuge der Pandemie weiter zugenommen: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der bereits vor und zu Beginn der Pandemie in Deutschland vorherrschende Fachkräftemängel im Laufe der Pandemie an Relevanz gewonnen hat. Wie aus den Angaben der Befragten deutlich wird, ist der deutsche Arbeitsmarkt bereits seit geraumer Zeit „leergefegt“, was zu einer weiteren Arbeitsverdichtung und Mehrbelastung der Pflegebediensteten und Leitungskräfte geführt hat.

6. Robert-Koch-Institut als zentrale Informationsquelle: Neben den Gesundheitsämtern und Berufsverbänden stellt das Robert-Koch-Institut laut der befragten Leitungskräfte die zentrale Informationsquelle zur Bewältigung der Pandemie dar. Es zeichnet sich ein positives Bild hinsichtlich des Grads der Informiertheit und des Umgangs mit Informationen zum Pandemiegeschehen ab.

7. Organisationale Coping-Kapazität wird hoch eingeschätzt (Bewältigungsoptimismus): Trotz der vielschichtigen Auswirkungen der Pandemie glaubt weiterhin ein Großteil der Befragten, die damit verbundenen Herausforderungen und Belastungen bewältigen zu können. Dies deutet darauf hin, dass Pflegeeinrichtungen im Notstand erprobt und dadurch widerstandsfähig sind.

8. Sozialer Zusammenhalt und Handlungsmächtigkeit als Schlüsselfaktoren für die Krisenbewältigung: Die Befragungsergebnisse verdeutlichen, dass der soziale Zusammenhalt und die kollektive Handlungskapazität zu den stärksten Ressourcen für die Bewältigung der pandemischen Situation zählen. In Anbetracht generell knapper finanzieller, materieller und personeller Ressourcen scheinen soziales Miteinander, emotionale Unterstützung und gegenseitiger Verlass an Bedeutung zu gewinnen.

Inhaltlicher Kontakt:

Priv.-Doz. Dr. Timo-Kolja Pförtner

IMVR – Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft

timo-kolja.pfoertner@uk-koeln.de

Presse und Kommunikation:

Mathias Martin

+49 221 470-1705

m.martin@verw.uni-koeln.de

Link zur Studie auf ResearchGate:

„Versorgung in Zeiten von Corona - Drohender Systemkollaps oder normaler Wahnsinn? 2. wissenschaftliche Studie zu Herausforderungen und Belastungen aus der Sichtweise von Leitungskräften“,

http://dx.doi.org/10.13140/RG.2.2.10486.93762

Presse und Kommunikation:
Jürgen Rees
+49 221 470-3107 j.rees@verw.uni-koeln.de

V.i.S.d.P.: Jürgen Rees
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