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Vertrauen bei Rabenvögeln, PI Nr. 59/2021

Vertrauen bei Rabenvögeln, PI Nr. 59/2021
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Vertrauen bei Rabenvögeln

Rabenvögel benutzen soziale Informationen, um sich vor Täuschung durch Artgenossen aus Nachbarterritorien zu schützen.

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english version below

Unglückshäher sind in Gruppen lebende Rabenvögel und verfügen über ein großes Repertoire an Warnrufen, mit dem sie sich gegenseitig vor Fressfeinden warnen. Gelegentlich benutzen die Vögel diese Rufe jedoch auch, um benachbarte Artgenossen zu täuschen und Zugang zu deren Nahrung zu bekommen. Wissenschaftler der Universitäten Konstanz, Wageningen (Niederlande) und Zürich (Schweiz) untersuchten nun, wie Unglückshäher vermeiden, durch ihre Nachbarn getäuscht zu werden. Die Studie , die in der Fachzeitschrift Science Advances erschienen ist, zeigt, dass Unglückshäher großes Vertrauen in die Warnrufe von Gruppenmitgliedern haben, die Warnrufe von Individuen aus Nachbarterritorien hingegen weitestgehend ignorieren. Die Vögel benutzen folglich soziale Information, um zwischen vertrauenswürdigen und vermeintlich falschen Warnrufen zu unterscheiden. Ähnliche Mechanismen könnten bei der Entstehung der menschlichen Sprachenvielfalt und insbesondere der Dialektbildung eine Rolle gespielt haben.

Vom Täuschen und Lügen

Täuschung und Lüge sind erstaunliche Spielarten der menschlichen Kommunikation und der Verwendung von Sprache, bei der absichtlich falsche Informationen übermittelt werden. Dies geschieht häufig, um gegenüber dem Empfänger der Falschinformationen Vorteile zu erlangen. Dabei ist Sprache eigentlich in hohem Maße prosozial und kooperativ und wird hauptsächlich zum Austausch verlässlicher Informationen genutzt. Sprache kann daher nur funktionieren und aufrechterhalten werden, wenn Lüge und Täuschung auf ein Minimum reduziert werden oder wenn Mechanismen zu deren Erkennung und Vermeidung vorhanden sind.

Menschen beurteilen die Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikationspartners zum Beispiel basierend auf persönlichen Erfahrungen. „Wenn Sie wiederholt von jemandem angelogen werden, werden Sie höchstwahrscheinlich schnell aufhören, dieser Person zu vertrauen“, erläutert PD Dr. Michael Griesser, Biologe an der Universität Konstanz und zusammen mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Dr. Filipe Cunha Autor der aktuellen Studie. Doch finden wir Täuschungen auch bei Tieren und falls ja, welche Mechanismen der Vermeidung gibt es dort?

Die Warnrufe des Unglückshähers

Tatsächlich ist von verschiedenen Tierarten bekannt, dass diese in der Lage sind, eigene Artgenossen zu täuschen. Zu ihnen gehören neben einigen Primatenarten auch Vögel wie der Unglückshäher (Perisoreus infaustus). Unglückshäher sind territoriale, in Familiengruppen lebende Rabenvögel, die über ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem verfügen: Ein breites Repertoire an Warnrufen ermöglicht es den Vögeln, sich über die Anwesenheit verschiedener Arten von Raubfeinden und das Verhalten ihres ärgsten Feindes, des Habichts, zu verständigen.

Gelegentlich zweckentfremden jedoch Artgenossen aus Nachbarterritorien die Rufe, die eigentlich die Anwesenheit eines sitzenden Habichts anzeigen, um die Mitglieder der lokalen Gruppe über die Anwesenheit des Räubers zu täuschen. Ziel ist es, diese dadurch zu verscheuchen und so an deren Nahrung zu gelangen. „Im Tierreich findet man häufig das Phänomen, dass Warnrufe zur Täuschung verwendet werden, weil es für den Empfänger der falschen Information ein hohes Risiko birgt, diese zu ignorieren“, erklärt Cunha.

Vertraue nur dem, den du kennst?

Um herauszufinden, wie Unglückshäher diese Art der Täuschung erkennen und vermeiden können, untersuchten die Wissenschaftler eine Population wildlebender Unglückshäher in Nordschweden. Mithilfe von Futter lockten sie erfahrene Vögel auf einen Futterplatz. Sobald ein einzelner erfahrener Vogel den Futterplatz besuchte, wurden ihm per Lautsprecher zuvor aufgenommene Sequenzen des genannten Warnrufes vorgespielt. Diese stammten entweder von ehemaligen Gruppenmitgliedern, Vögeln aus Nachbarterritorien oder von Vögeln, zu denen der Futterplatzbesucher bisher keinerlei Kontakt hatte. Anhand von Videoaufnahmen bestimmten die Wissenschaftler, wie schnell und für wie lange die Vögel die Flucht ergriffen.

Diese sogenannten Playback-Experimente ergaben, dass erfahrene Unglückshäher nur auf die Warnrufe von ehemaligen Gruppenmitgliedern hin eine sofortige und langanhaltende Fluchtreaktion zeigten. Warnrufe von Nachbarn oder unbekannten Individuen wurden hingegen weitestgehend ignoriert und führten zu langsameren Reaktionen und schnellerer Rückkehr zum Futterplatz. „Unglückshäher haben also eine denkbar einfache Regel, um Täuschungen zu umgehen: Sie vertrauen ausschließlich den Rufen von Gruppenmitgliedern, sprich Kooperationspartnern. Den Rufer lediglich zu kennen, was ja auch für die Nachbarn gilt, reicht nicht aus“, resümiert Griesser.

Täuschung als mögliche Triebkraft für Sprach- und Dialektbildung

Michael Griesser zieht einen Vergleich zu Menschen und ihren Sprachen und Dialekten. Ähnlich wie bei den Vögeln vertrauen Menschen bevorzugt solchen Mitmenschen, die zur gleichen Gruppe gehören und zu denen sie entsprechend eher eine kooperative Beziehung haben. „Es ist durchaus möglich, dass die Anfälligkeit für Täuschung eine Triebkraft für die schnelle Diversifizierung der menschlichen Sprachen war und die Bildung von Dialekten gefördert hat, da diese die Identifizierung lokaler Gruppen von Kooperationspartnern ermöglichen“, spekuliert Griesser.

Faktenübersicht:

  • Studie: Filipe C. R. Cunha, Michael Griesser (2021) Who do you trust? Wild birds use social knowledge to avoid being deceived. Science Advances; DOI: 10.1126/sciadv.aba2862
  • Unglückshäher benutzen soziale Information, um sich vor Täuschung durch Artgenossen zu schützen: Sie reagieren ausschließlich auf die Warnrufe von Kooperationspartnern aus der eigenen Gruppe und ignorieren die Warnrufe anderer Artgenossen.
  • Ähnliche Mechanismen könnten bei der Diversifizierung menschlicher Sprachen und insbesondere der Dialektbildung eine Rolle spielen.
  • Dr. Michael Griesser ist assoziiertes Mitglied des „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour“ sowie Wissenschaftler im Fachbereich Biologie der Universität Konstanz. Die vorgestellte Studie stammt noch aus seiner Zeit als Wissenschaftler an der Universität Zürich
  • Gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizont 2020, die Universität Zürich sowie das Science Without Borders Programm der brasilianischen Bundesregierung.

Hinweis an die Redaktionen:

Ein Foto kann im Folgenden heruntergeladen werden:

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2021/vertrauen_bei_rabenvoegeln.jpg

Bildunterschrift: Ein Paar Unglückshäher bei der Nahrungssuche in der Studienpopulation in Schwedisch Lappland

Bilder: Michael Griesser

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Trust among corvids

Corvids use social information to protect themselves against deception by conspecifics from neighbouring territories

Siberian jays are group living birds within the corvid family that employ a wide repertoire of calls to warn each other of predators. Sporadically, however, birds use one of these calls to trick their neighbouring conspecifics and gain access to their food. Researchers from the universities of Konstanz (Germany), Wageningen (Netherlands), and Zurich (Switzerland) have now examined how Siberian jays avoid being deceived by their neighbours. The study , published in the journal Science Advances, shows that these birds have great trust in the warning calls from members of their own group, but mainly ignore such calls from conspecifics of neighbouring territories. Thus, the birds use social information to differentiate between trustworthy and presumably false warning calls. Similar mechanisms could have played a role in the formation of human language diversity and especially in the formation of dialects.

Deception and lies

Deception and lies are surprising aspects of human communication and the use of language in which false information is intentionally communicated to others, allowing an individual to gain an advantage over the recipient of such false information. However, language is actually highly pro-social and cooperative and is mainly used to share reliable information. Thus, language can only function properly and be maintained if deception is kept to a minimum or other mechanisms are in place to recognize and avoid deception.

People do judge the reliability of communication partners based on personal experience. “If someone repeatedly lies to you, you will most likely stop trusting this person very quickly,” says Dr Michael Griesser, a biologist at the University of Konstanz. Griesser authored the study together with Dr Filipe Cunha, whose doctoral thesis he supervised. But do we observe deception in animals as well, and, if so, which mechanisms do animals use to avoid being deceived?

Warning calls of the Siberian jay

Indeed, a number of species are able to deceive their conspecifics, including some species of primates and birds like the Siberian jay (Perisoreus infaustus). Siberian jays live in territorial groups and have an elaborate communication system: A wide range of calls allow them to warn each other of the presence of different predators as well as the behaviour of their fiercest enemy, the hawk.

Occasionally, however, neighbours intruding into a group's territory use the same calls that would otherwise indicate the presence of a perched hawk for a different purpose. Their aim is to deceive the members of the group about the presence of the predator, thus scaring them away to get access to their food. “It is a commonly observed phenomenon in the animal kingdom that warning calls are used to deceive others. Clearly, the recipients of the false information potentially pay a high price if they ignore the warning,” says Cunha.

Only trust those you know?

To find out how Siberian jays identify and respond to this type of deception, the researchers examined a population of wild Siberian jays in northern Sweden. They attracted experienced individuals to a feeding site and recorded video footage of what happened. As soon as such an experienced individual visited the feeder, a loudspeaker played recordings of Siberian jays’ warning calls designating a perched hawk. These calls were recordings from former members of the visitor’s own group, birds from neighbouring territories, or birds that the visitor had never encountered before. Using the video recordings, the researchers measured how long it took the visitor to leave and return to the feeder.

These “playback experiments” demonstrated that experienced Siberian jays responded quicker and took longer to return to the feeder when hearing warning calls of a former member of their own group than when exposed to warning calls of neighbouring groups or previously unknown individuals. “Siberian jays thus have a simple rule to avoid being tricked: They only trust the warning calls from members of their own group, meaning cooperation partners. Familiarity alone is not enough, otherwise the birds would also have trusted the calls of their neighbours,” Griesser explains.

Deception as a possible factor in language and dialect formation

Michael Griesser draws a comparison to humans and their languages and dialects. Just like Siberian jays, humans preferentially trust others who belong to the same group as themselves and therefore more likely are cooperation partners. “It could thus very well be the case that vulnerability to deception has been a driver of the rapid diversification of human languages and facilitating the formation of dialects as they allow the identification of local cooperation partners,” Griesser considers.

Key facts:

  • Study: Filipe C. R. Cunha, Michael Griesser (2021) Who do you trust? Wild birds use social knowledge to avoid being deceived. Science Advances; DOI: 10.1126/sciadv.aba2862
  • Siberian jays use social information to avoid being deceived by neighbours. The birds reacted exclusively to the warning calls of cooperation partners from their own group and ignored the warning calls of others.
  • Similar mechanisms could have played a role in the diversification of human languages and especially in the formation of dialects.
  • Dr Michael Griesser is an affiliate member of the “Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour” and a researcher in the Department of Biology at the University of Konstanz. The study was completed when Griesser worked as a researcher at the University of Zurich.
  • Funding was provided by the Swiss National Science Foundation, via the EU Framework Programme for Research and Innovation, Horizon 2020, the University of Zurich and the Science Without Borders Programme in Brazil.

Note to editors:

You can download a photo here:

https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2021/vertrauen_bei_rabenvoegeln.jpg

Caption: A pair of Siberian jays foraging in the study population in Swedish Lapland.

Copyright: Michael Griesser

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: + 49 7531 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de

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