Thüringische Landeszeitung

Thüringische Landeszeitung: Der Trommler - Günter Grass' Stimme wird man vermissen
Leitartikel von Frank Quilitzsch zum Tode von Günther Grass

Weimar (ots) - Der dreijährige Oskar Matzerath bekommt zum Geburtstag eine Blechtrommel geschenkt und beschließt, von nun an nicht mehr zu wachsen. Mit seinem Getrommel bringt er die Nazis aus dem Tritt und die heile Welt der Kleinbürger ins Wanken. Dieser kleine Wutbürger aus Günter Grass' 1959 erschienenen Roman "Die Blechtrommel" war eine geniale Erfindung und bescherte dem bis dahin unbekannten Autor über Nacht Weltruhm.

Grass schrieb weiter fleißig gegen das Vergessen an und hielt das Gewissen in der Bundesrepublik wach, allerdings ohne seine eigenen Verstrickungen in der NS-Zeit zu offenbaren. Dies geschah erst 2006, als er in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" zugab, als junger Mann kurz vor Kriegsende in der Waffen-SS gedient zu haben.

Da war er bereits Nobelpreisträger für Literatur und wusste, welche Lawine dieses viel zu späte Eingeständnis lostreten würde. Mit Nachsicht durfte er nicht rechnen, denn Nachsicht war auch seine Sache nie gewesen. So sensibel er als Erzähler fungierte, so rau und kantig war er, wenn er sich einmischte. Und er mischte sich ein, wo es Not tat. Oft erwies er sich dabei als ein bärbeißiger, widersprüchlicher Charakter.

Als Freund von Willy Brandt machte Grass schon in den 60er Jahren Wahlkampf für die SPD, wurde 1983 Mitglied und trat 1993 wegen der Beschlüsse zur Verschärfung des Asylrechts aus der Partei wieder aus. Auch das ist eine Haltung!

Als Romancier konnte Grass an den spektakulären, internationalen Erfolg seiner "Blechtrommel" nicht wieder anknüpfen. Hatte er sich in seinem Erstling als so saftiger, freizügiger Erzähler erwiesen, dass man sogar erwog, das Buch wegen der erotischen "Stellen" auf den Index jugendgefährdender Schriften zu setzen, scheiterte der Autor mit seinem bis in die Nachwende-Zeit getriebenen Fontane-Roman "Ein weites Feld". Trotzdem, man wird den großen Trommler vermissen.

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