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Badische Neueste Nachrichten: Das Kino als Brennglas - Kommentar von Andreas Jüttner

Karlsruhe (ots) - Kann das Kino noch Themen setzen? Schließlich kann in Zeiten von Filmstreaming und Internet-Videotheken theoretisch jeder sehen, was und wann er will. Daher wird seit Jahren regelmäßig der Niedergang der Branche beschrieben. Und in der Tat kommt es immer häufiger vor, dass Filme erst über den Zweitverwertungsmarkt des Heimkinos Gewinn einbringen. Sogar so häufig, dass dies oft gleich mit einkalkuliert wird und die Leinwandpräsenz mitunter nur als Werbung für das eigentliche Geschäft gilt. Diese kommerzielle Neuausrichtung aber unterstreicht die Rolle des Kinos als Brennglas für Aufmerksamkeit: Bei allem Medienwirbel um millionenfach verkaufte Computerspiele oder Fernseh-Quotenhits bleibt das Kino durch die mindestens nationale, mitunter gar globale Gleichzeitigkeit einer Präsentation jenes Forum, das auch mal Inhalte auf die Agenda setzen kann, die nicht ohnehin ständig durch den Äther schwirren. In ganz besonderem Maß gilt dies für die Berlinale: Seit der gebürtige Pforzheimer Dieter Kosslick das Filmfestival mit den weltweit höchsten Zuschauerzahlen leitet, gilt die Berlinale als dezidiert politisches Festival, das bemerkenswert oft einen Nerv der Zeit trifft. Mitunter spielt die Zeit auch hilfreich mit: Just während der Berlinale im vergangenen Jahr liefen in Babelsberg, nur wenige Kilometer vom Festival entfernt, die letzten Vorbereitungen für die Dreharbeiten zu George Clooneys Film "Monuments Men". Schon damals konnte man zwar ahnen, dass dieser Film auf der Berlinale seine Europa-Premiere erleben würde - schließlich ist Clooney gefühlt alle zwei Jahre dort zu Gast, und da wäre es widersinnig, diese Frequenz ausgerechnet bei einem in Deutschland gedrehten Film voller Hollywoodgrößen zu durchbrechen. Nicht ahnen konnte man damals freilich, wie sehr das Thema Raubkunst bis zur heute anstehenden Premiere ins öffentliche Bewusstsein gerückt sein würde: Der Wirbel um den Münchner Kunstfund hat das Interesse an dem Film wohl mehr befeuert, als es jede Werbekampagne geschafft hätte. Andererseits mag die schon früh geschürte Neugier, die schlichtweg jeder hierzulande gedrehte Film mit einem derartigen Staraufgebot ausgelöst hätte (im Filmbereich ist die deutsche Bewunderung für die USA noch sehr intakt), zumindest ihr Scherflein dazu beigetragen haben, dass der Fall Gurlitt und alle seither aufgeworfenen Fragen so viel Medienecho fanden: Durch die Verbindung mit dem Namen Clooney ließ sich das komplexe Thema Raubkunst auch für den Boulevard gut aufbereiten. Eben genauso, wie es das Kino immer wieder geschafft hat, brisante Stoffe mit Hilfe bekannter Gesichter (und dramatischer Zuspitzung) überhaupt erst ins Bewusstsein zu rücken. Die Berlinale hat dieses Potenzial sehr genau erkannt und zu ihrem eigenen Markenzeichen gemacht - das macht dieses größte Publikumsfestival der Welt nicht nur erfolgreich, sondern auch wichtig.

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