FT: Eine Rede gegen das Vergessen

27.01.2012 | 20:37 Uhr

Flensburg (ots) - Marcel Reich-Ranicki hat alle beeindruckt und vielen eine Lehre erteilt. Wer glaubt, die Schrecken des Holocaust allein mit historischen Fakten und Zahlen deutlich machen oder sich der Todesmaschinerie des Nationalsozialismus vornehmlich mit moralischen Kategorien oder politischer Betroffenheit nähern zu können, der wird schnell die Grenzen erkennen. Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte lässt sich schwer in Worte fassen. Man kann das ganze Ausmaß des Leids allenfalls erspüren. Jeder, der der brüchigen Stimme des 91-jährigen Zeitzeugen im Bundestag lauschte, wird mehr als in vielen anderen Holocaust-Gedenkreden die unfassbare Dimension des Grauens, der Verfolgung, der Vernichtung und Vertreibung erahnt haben. Nein, nicht der Literaturkritiker oder Historiker Reich-Ranicki sprach, sondern der Zeitzeuge. In seiner Rede ging es nicht um das gehobene Feuilleton, nicht um rechthaberischen Streit über Schriftsteller und ihre Werke. Es ging ums Leben, um die ungeheuren Tiefen menschlichen Hasses, um Tod und Überleben. Reich-Ranicki musste nicht theoretisieren; er hat das Leid selbst erfahren. Und trat trotzdem nicht als Ankläger auf, gebrauchte weder seine scharfe Zunge noch den erhobenen Zeigefinger. Vielmehr reichte seine eindringliche Schilderung über das eigene Schicksal hinaus. Der Überlebende des Warschauer Ghettos gab den vielen unbekannten Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht. Es war gut, dass der Bundestag einen der letzten Überlebenden des Holocaust hat zu Wort kommen lassen. Zur eindrucksvollen Mahnung gegen das Vergessen wurde das Gedenken im Bundestag aber erst durch Reich-Ranickis so persönliche Rede. Sie unterstrich auf bewegende Weise den Appell von Bundestagspräsident Norbert Lammert, im Kampf gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung nicht nachzulassen. von Stephan Richter

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