
Mindener Tageblatt: Kommentar zu Sarrazin / Kein Märtyrer
10.09.2010 | 18:01 UhrMinden (ots) - Von Christoph Pepper
Sarrazin und kein Ende. Der Streitfall um die provozierenden Thesen des Noch-SPD-Politikers zur Migration bewegt die Öffentlichkeit in seltener Heftigkeit.
Inzwischen ist dabei aus der Diskussion über die strittigen Auffassungen des Autors eine Auseinandersetzung über den Umgang mit ihm selbst geworden. Die weitgehend einhellige und ziemlich rigorose Ablehnung, die Sarrazin quer durch die politische Klasse und veröffentlichte Meinung entgegenschlug, fand ihren Widerhall auf Bürgerseite allerdings auch in vielfach lautstark geäußerter Überzeugung, hier solle eine missliebige Stimme mundtot gemacht und damit ein unangenehmes Thema unter den Teppich der politischen Korrektheit gekehrt werden.
Wovon nun aber keine Rede sein kann. Schließlich beschäftigen die Themen Zuwanderung und Integration, früher in der Tat von der Politik nur mit der Kneifzange angefasst, die Öffentlichkeit durchaus in einem Maße, das den aufgelaufenen Problemumfang widerspiegelt. Ob angemessen oder nicht, darüber lässt sich, wie über alles, streiten. Doch ist gerade hier die Grenze schmal zwischen sachgerechter Diskussion und populistischer Agitation, die - gewollt oder nicht - Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit schürt, übrigens auch Integrationsunwilligkeit. Sarrazin hat diese Grenze bewusst und mutwillig überschritten, die absehbaren und zum Teil sicher auch einkalkulierten Folgen wird er auszuhalten haben.
Mit seiner Entscheidung, freiwillig seinen Bundesbank-Posten aufzugeben, zieht er die richtige Konsequenz aus der Unvereinbarkeit einer herausgehobenen öffentlichen Stellung mit dem Schüren gesellschaftlicher Zwietracht. Dem Bundespräsidenten erspart er damit eine unangenehme Situation, was ihm positiv anzurechnen ist. Ein Märtyrer der Meinungsfreiheit ist er jedoch nicht. Zweifellos aber hat er mit seiner Attacke allseits gleich mehrere Nerven getroffen. Wie sehr vielen Menschen das Thema auf den Nägeln brennt, sollte Politik und Publizistik spätestens nach diesem Streit mehr als klar sein.
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