Pressemitteilung

Fehlendes Kinderbewusstsein kann sich die Gesellschaft nicht mehr leisten / DGSPJ fordert Bürger zum Hinschauen und Politik zum Handeln auf

2012-11-30 08:46:26

Stuttgart/Berlin (ots) - Natur- und Umweltbewusstsein sind hierzulande im Denken und Handeln vieler Menschen fest verankert. Ein vergleichbares Kinderbewusstsein ist dagegen noch kaum sichtbar. Damit dürfe man sich aber nicht weiter abfinden, mahnt die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).

Woran macht sich das fehlende Kinderbewusstsein fest? Zum Beispiel daran, dass schon seit längerer Zeit fast jedes fünfte Kind der unter Dreijährigen in Deutschland in Armut leben muss. Das ist für die DGSPJ nicht weiter tolerabel. Oder daran, dass jedes siebte Kind keine verlässliche Beziehung in der frühen Kindheit zu einer Bezugsperson aufbauen kann. Oder auch an den ca. 70.000 "verlorenen Kindern", die in jedem Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen, weil sie nicht in verlässlichen Beziehungen aufwachsen konnten. Schuld am fehlenden Kinderbewusstsein seien aber nicht nur die unzureichenden Lebensbedingungen vieler Kinder, für die die Politik verantwortlich ist, kritisiert Dr. Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrum des Olgahospitals im Klinikum Stuttgart. Vielmehr müsse jeder Einzelne und damit die Gesellschaft als Ganzes mit Nachdruck daran arbeiten, bei allen Handlungen und Entscheidungen die Interessen von Kindern und die Kinder selbst im Auge zu haben.

Geschieht dies nicht, können die Folgen fatal sein, wie das folgende erschütternde Beispiel einer Mutter zeigt, die in einer persönlichen Ausnahme- und Überforderungssituation ihr Kind in Stuttgart von einer Brücke in den Neckar geworfen hatte. In den Zeitungsberichten war zu lesen, dass sie gewartet habe, bis ein Fahrradfahrer die Brücke verlassen hatte. Wahrscheinlich hatten die Mutter und ihr 4 Jahre altes Mädchen zuvor in weitere Gesichter geschaut, die aber wohl alle ebenfalls - vielleicht mit einem unguten Gefühl - weitergefahren sind. "Ein ungutes Gefühl nehmen wir oft nicht besonders ernst und schauen aus Unsicherheit eher weg, gerade wenn es um Kinder geht", beobachtet Dr. Theodor Michael, ärztlicher Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums für chronisch kranke Kinder an der Charité in Berlin, immer wieder. Gerade bei Kindern könne man allerdings häufig nur schwer auf den ersten Blick beurteilen, was noch unauffällig, grenzwertig oder schon bedenklich ist."

"Kinderbewusstsein - was Kinder wirklich brauchen" war der Titel eines Festvortrages auf einem großen Kinderärztekongress, mit dem der renommierte Entwicklungsneurologe Prof. Remo Largo aus Zürich die Fachwelt aufgerüttelt hat. Dazu gehören für Largo eine vertrauensvolle Umgebung mit konstanten Bezugspersonen, geeignete Wohnbedingungen und auch frühe und adäquate Förderungen durch qualifizierte Fachkräfte in den Kitas. Vor allem aber setzt ein Kinderbewusstsein Menschen voraus, die hinschauen, Haltung zeigen und sich einmischen, wenn dies - wie bei der Mutter auf der Brücke - notwendig ist.

Doch das alles wird allein nicht ausreichen, solange Kinderrechte nicht auch gesetzlich verankert werden. Ein neuer Artikel 2a im Grundgesetz der Bundesrepublik, der die Rechte auf Förderung, Schutz und Beteiligung sowie den Vorrang des Kindeswohls bei allem staatlichen Handeln festschreibt, würde die Position von Kindern als eigenständige und gleichberechtigte Grundrechtsträger erheblich aufwerten, meint Andreas Oberle. Denn im Alltag sei es eben nicht selbstverständlich, dass alle Kinder Träger der Grundrechte unserer Verfassung sind, wie Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fälschlicherweise meint. Es müssten weit mehr als die rund 100 Kinderbeauftragten eingesetzt werden, die bisher im Bund, den Ländern und den Kommunen aktiv sind, fordert Theodor Michael. Zusammen mit anderen großen wissenschaftlichen Gesellschaften der Kinder- und Jugendmedizin fordert die DGSPJ zudem dringend einen Kinderbeauftragten im Deutschen Bundestag. Erst alle Maßnahmen zusammen würden hierzulande nach Ansicht der Sozialpädiater ein Kinderbewusstsein schaffen, vom dem man derzeit noch weit entfernt ist. Deshalb sei es dringend erforderlich, das Thema gerade auch im bevorstehenden Bundestagswahlkampf zu besetzen, um so die Politiker in Zugzwang zu bringen. Denn fehlendes Kinderbewusstsein wird sich die Gesellschaft angesichts von immer mehr alten Menschen und immer weniger Kindern nicht mehr leisten können.

Literatur bei den Autoren

Pressekontakt:

Dr. Andreas Oberle
A.Oberle@klinikum-stuttgart.de
Dr. Theodor Michael
Theodor.michael@charite.de

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Dt. Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin



Weiterführende Informationen

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