Pressemitteilung

Industrialisierung der Medizin in einem solidarischen System?

2012-10-12 11:20:00

München/Augsburg (ots) - "Kaum ein Begriff ist im deutschen Gesundheitswesen in den vergangenen Monaten so oft gefallen, wie der der Industrialisierung", sagt Dr. Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) vor dem 71. Bayerischen Ärztetag. Von der Industrialisierung werde erwartet, dass sie einerseits zu mehr Effizienz und Kosteneinsparung führt und anderseits seien damit aber auch Begriffe wie Fließband- und Akkordarbeit, Stückkosten oder Massenproduktion verbunden, was überhaupt nicht zur Gesundheitsversorgung passe. Die genaue Analyse zeige jedoch, wie vielfältig die Industrialisierung in die Medizin bereits eingezogen sei - beispielsweise im Verhältnis zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und ihren Versicherten [Disease-Managment-Programme (DMP) als Einnahmequelle, Wahltarife, Bonuszahlungen], zwischen den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten und den gesetzlichen Krankenkassen bzw. den privaten Krankenversicherungen (Rabattverträge, DMP, Managed-Care), zwischen den stationär tätigen Ärztinnen und Ärzten und ihren Krankenhaus-Arbeitgebern (Boni-Verträge, DRGs, Case-Mix-Punkte, Kodierung und Fallzahlen) oder zwischen den Ärzten und ihren Patienten [(DMP, bestimmte individuelle Gesundheits-Leistungen (IGeL)].

"Inwieweit lässt sich die Industrialisierung mit dem Berufsbild des Arztes einerseits und andererseits mit dem solidarischen System der gesetzlichen Krankenversicherung überhaupt vereinbaren?", frägt Kaplan. Wirtschaftliche Überlegungen müssten bei der Behandlung von Patienten eine Rolle spielen, ganz klar. Diese seien auch gesetzlich vorgeschrieben, z. B. im § 12 des V. Sozialgesetzbuchs (SGB V). Effizienz- und Qualitätsverbesserungen können und müssen von Ärztinnen und Ärzten erwartet werden. "Ob diese Ziele durch die, mit der Implementierung von Konzepten und Anreizmechanismen aus der Industrie, erreicht werden können oder ob hierdurch nicht spürbare Nachteile bei der flächendeckenden Versorgung der Patienten und Fehlanreize für Ärzte entstehen, ist zu hinterfragen", so der Präsident. Ärzte und Medizinethiker warnen davor, dass der medizinische Alltag mehr und mehr den Fertigungsprozessen in der Industrie angepasst wird. Auf das Entscheidende, das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis wirke sich das unweigerlich aus. Diese individuelle Beziehung werde in die Begrifflichkeit von Geschäftskontakten überführt und standardisierte Verfahren berücksichtigten das Individuum Patient zu wenig. Die wichtigen psychologischen, spirituellen und humanistischen Aspekte der Beziehung zum Patienten drohten darüber verloren zu gehen. "Humanisierung statt Industrialisierung!", plädiert Kaplan abschließend.

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