DIE ZEIT

ZEIT: Professor Werner J. Patzelt beklagt "politische Ahnungslosigkeit" der Deutschen und warnt vor "wucherndem Radikalismus"

    Hamburg (ots) - Vor den Folgen der "Ahnungslosigkeit vieler Bürger
über die tatsächliche Beschaffenheit unseres Regierungssystems" warnt
der Politikwissenschaftler Professor Werner J. Patzelt in der
jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Der renommierte
Parlamentarismusforscher von der Technischen Universität Dresden hält
den politischen Kenntnisstand und das demokratische Bewusstsein der
Deutschen für bedenklich:
    
    - "Nur gut die Hälfte des Volkes glaubt, mit der Demokratie ließen
         sich Deutschlands Probleme lösen."

    - "Jeder Zweite hält die Politiker für Lügner."

    - "Nur ganze 10 Prozent fänden es gut, wenn der eigene Sohn
         Politiker würde."

    - "Was Föderalismus sei, wissen 59 Prozent nicht; vom Rest machen
         14 Prozent falsche Angaben.

    - "40 Prozent können nichts oder nur Unrichtiges über den
         Bundesrat sagen."

    - "58 Prozent können keine Angaben machen, wo - außer im
         fernsehbekannten Plenarsaal - die Arbeit des Bundestages
         stattfindet."

    - "Gut 60 Prozent der Deutschen wissen zwar, dass bei uns die
         Regierung aus dem Parlament hervorgeht ... Dass ein    
         Regierungssystem so, also als parlamentarisches konstruiert
         sein sollte, meinen aber nur 40 Prozent der Bürger."
    
    Nach Ansicht von Professor Patzelt folgen aus der Unkenntnis der
Deutschen über ihr parlamentarisches Regierungssystem fehlgeleitete
Erwartungen an die Politik: "Selbst unbegründete Vorwürfe führen zu
wirklicher Verdrossenheit, auch Missverständnisse wirken
entlegitimierend. Das gibt einesteils besten Humus für wuchernden
Radikalismus. Andernteils öffnet sich so das Tor für die Suche nach
grundsätzlichen Alternativen. Statt Bewährtes zu verbessern, werden
riskante Reformvorschläge populär. Doch schon manche Gesundheit wurde
ruiniert, weil man eingebildete Krankheiten therapierte."
    
    "Unsere Institutionen haben sich im Wesentlichen bewährt", meint
dagegen der Politologe. Dringend sei es deshalb "an den Schulen und
in den Massenmedien immer wieder politische Bildungsarbeit zu
leisten, die Bürger von ihren Kenntnislücken, Missverständnissen und
Vorurteilen kuriert. Das gleicht zwar dem Versuch, über Jahrhunderte
eine gotische Kathedrale aus Sandstein zu erhalten. Dennoch muss der
Versuch gemacht werden, wollen wir unsere freiheitliche Ordnung an
Kinder und Enkel weitergeben."
    
    Diese PRESSE-Vorabmeldung aus der ZEIT Nr. 9/2001 mit
    Erstverkaufstag am Donnerstag, 22. Februar 2001, ist unter
    Quellen-Nennung DIE ZEIT zur Veröffentlichung frei. Der
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