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Forschen nach Belieben: dpa erläutert Berichterstattung zur Finanzkrise

Hamburg (ots) - In einer am Montag von der Otto-Brenner-Stiftung herausgegebenen Studie zur Berichterstattung über die Finanzkrise (http://www.otto-brenner-stiftung.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/AH63.pdf) werden zahlreiche falsche und irreführende Behauptungen über die Berichterstattung der Deutschen Presse-Agentur dpa aufgestellt. Die Chefredaktion der dpa stellt dazu fest: "Die Studie "Wirtschaftsjournalismus in der Krise- Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik" wirft der dpa unter anderem mangelnde Einordnung und Erklärung bei der Berichterstattung über die Finanzkrise, ihre Ursachen und Folgen vor. Zu diesem Ergebnis mussten die Autoren allerdings auch kommen, weil sie unverständlicher Weise jedwede einordnende und hintergründige Berichterstattung der dpa vollständig aus ihrer Studie ausgeschlossen haben. So genannte Korrespondentenberichte, dpa-Gespräche, Hintergründe oder Chronologien, mit denen dpa die zentrale journalistische Aufgabe der Orientierung und Einordnung erfüllt, wurden ausdrücklich nicht untersucht. Stattdessen stützt sich die gesamte Untersuchung nur auf so genannte "Zusammenfassungen". Eine "Zusammenfassung" aber kennzeichnet ausdrücklich die komprimierte Darstellung des aktuellen Geschehens, sie ist so ein Ereignis-Stück, nicht automatisch ein Erklärstück. Wer aber die Erklärstücke nicht zur Kenntnis nimmt, sollte auch nicht deren Mangel beklagen. Die Studie wirft dpa auch vor, selektiv mit Quellen und Themen umzugehen. Um das zu untermauern, bedient sie sich der Berichterstattung über 16, von den Autoren vollkommen willkürlich ausgewählten, so genannten "bedeutenden Ereignissen". Um zu dem augenscheinlich gewünschten Ergebnis zu kommen, dehnen die Autoren zudem den Untersuchungszeitraum auf zehn Jahre aus. Am Ende fußt die Untersuchung so auf einem Kanon von immerhin 212 Meldungen. Zur Erinnerung: Der dpa-Basisdienst besteht aus etwa 800 Meldungen am Tag, im Untersuchungszeitraum also aus mehr als 2,5 Millionen Meldungen. Aus der ohnehin dünnen Grundgesamtheit werden dann wieder nur "passende" Passagen zitiert, ohne den Berichterstattungsfeed insgesamt in seiner Fülle zu würdigen. Die Frage nach der Unabhängigkeit und den Aufgaben der Medien in politischen und ökonomischen Krisensituationen ist bei dpa Bestandteil der täglichen Arbeit. Dass dpa sich ihrer Verantwortung dabei bewusst ist, zeigt sich auch sehr konkret bei dem Thema, mit dem sich die Studie angeblich befasst, auch wenn unklar bleibt, ob sie sich auf die Finanzmarktpolitik beschränkt oder auf die Berichterstattung über Entwicklungen auf den Finanzmärkten und die pro- oder reaktive Begleitung durch die Politik. Der Vorwurf, schlechte Nachrichten würden mit Beruhigungsformeln relativiert, verkennt die grundsätzliche Pflicht der Agentur, jeweils alle möglichen Positionen zu Wort kommen zu lassen. Hintergrundinformationen: Erst im Sommer 2008 ist die globale Finanz- und Wirtschaftskrise voll in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Deutsche Presse-Agentur hat jedoch frühzeitig ausführlich über die Entwicklungen berichtet, von der US-Hypothekenkrise über die Finanz- und Bankenkrise zur globalen Wirtschaftskrise. dpa-Korrespondenten haben die frühen Warnsignale geschildert, die Mechanismen der Finanzmärkte erklärt und frühzeitig auch die Gefahren für die Konjunktur thematisiert. Einige Beispiele: Die dotcom-Blase mit einer beispiellosen Hausse vermeintlich zukunftsträchtiger Startups und der anschließenden Vernichtung dreistelliger Milliardenbeträge zwischen 1997 und 2003: Breite dpa-Berichterstattung incl. kritischer Würdigung unzureichender Kontrollen. Die Vorstellung, dpa könne investigativ quasi als Frühwarnsystem Trends und Gefahren auf den hochkomplizierten, global verwobenen und hochgradig diskreten Finanzmärkten aufspüren ist naiv, zumal in der ersten Phase der Finanzkrise offensichtlich selbst Vorstandschefs großer Kreditinstitute und Notenbanken mit ihren erheblichen Analysekompetenz nicht bewusst war, welche Probleme auf die Finanzbranche und die Ökonomie insgesamt zukommt. Bereits im März 2007 hat dpa aber mit Berichten aus New York (12. und 14.3.07) auf eine Krise am US-Immobilienmarkt aufmerksam gemacht und dabei die drohende Gefahr eines Übergreifens auf den gesamten Kreditmarkt und für die US-Konjunktur insgesamt thematisiert. Der in der Studie als "Vorkrise" eingestufte Zeitraum markiert in Wirklichkeit den Auftakt der Finanzkrise, deren erste Schockwellen bereits im Sommer 2007 Deutschland erreichten: Damals traten erstmals massive Probleme der Mittelstandsbank IKB und kurze Zeit später der SachsenLB zutage, über die dpa umfangreich berichtet hat. Die IKB und die SachsenLB werden als wichtiges Ereignis, quasi als Initialzündung für die Krise in Deutschland, in der Studie gar nicht erwähnt. Bereits damals wurde in der dpa-Berichterstattung darauf hingewiesen, dass dem deutschen Bankenwesen "die erste große Bankenkrise seit 1931" und dem Finanzmarkt eine systemische Krise" droht (Korr-Bericht «Konzertierte Aktion» - Steinbrück und Banken eilen IKB zur Hilfe vom 1.8.07). Und bereits damals wurde in einem dpa-Gespräch dargestellt, dass von den milliardenschweren Verlusten auf dem US-Immobilienmarkt nach Expertenansicht weit mehr deutsche Banken betroffen seien als bisher bekannt: "«Das ist erst die Spitze des Eisbergs», sagte Prof. Dirk Schiereck von der European Business School (ebs) in Oestrich-Winkel in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa." (20.8.07) Und um den Überblick zu behalten, wurde die Entwicklung frühzeitig in anderen Formaten, etwa Chronologien, zusammengefasst. ("Wie die US-Hypothekenkrise auch in Deutschland um sich griff", 21.8.07) Die Berichterstattung geht damit rasch über das Thema IKB hinaus und greift die Themenkreise globale Finanzmärkte und deren Kontrolle auf: "Die Schieflage der IKB hat einer breiten Öffentlichkeit deutlich vor Augen geführt, dass die Risiken der globalen Finanzmärkte nicht abstrakt sind. BaFin-Chef Sanio gehört seit langem zu den Experten, die zur Vorsicht mahnen....." (Korr-Bericht "Sanio räumt in Bankenszene auf - Börse fürchtet IKB-Desaster" vom 2.8.07) Ebenfalls sehr rasch wird die IKB-Krise zum Anlass genommen, zu beschreiben, dass die amerikanische Immobilien-, Bau- und Hypothekenmarkt-Krise weltweit ausufert. Das gelingt auch deswegen, weil die Berichterstatter in Deutschland und den USA frühzeitig zusammenarbeiten: "Es sind nicht nur Millionen amerikanischer Hausbesitzer von den rasant fallenden Immobilienpreisen und ebenso rasch steigenden Zinsen für sogenannte Subprime-Hypotheken betroffen, das heißt von riskanten Hypothekenkrediten an bonitätsschwache Amerikaner. Inzwischen leiden auch institutionelle Investoren wie Banken, Hedge-Fonds, Finanzinvestoren und ganz normale Anleger in aller Welt unter der US-Misere." (Korr-Bericht "US-Immobilien- und Hypothekenkrise ufert weltweit aus" vom 3.8.07) Dass am Ende der Finanzkrise ein globaler Wirtschaftseinbruch ungeahnten Ausmaßes stehen würde, war in der damaligen Debatte nicht sichtbar. Vereinzelte Warner kamen bei dpa aber durchaus zu Wort: "Dank wiederholter Milliardenspritzen der Notenbanken sehen die meisten Fachleute die Dauerkrise an den Finanzmärkte nicht als Gefahr für die boomende Wirtschaft. (...) Einige Ökonomen sehen die Turbulenzen jedoch als reale Gefahr für die Weltkonjunktur. «Wenn die Banken bei der Kreditvergabe jetzt plötzlich von großer Freigebigkeit zu großer Vorsicht umschalten, kann das den Investitionsprozess empfindlich stören. Und das schädigt die Konjunktur», warnte Gustav A. Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)." (13.8.07) Schon vor der Lehman-Pleite wurde der Bogen zu den möglichen Konsequenzen gezogen, und zwar auch im nachrichtlichen Berichterstattungsstrang: "Bei den Beratungen in der New Yorker Notenbank spielte ein Team am Wochenende auch Folgen eines Lehman-Zusammenbruchs für die Finanzmärkte durch, hieß es. Eine Pleite von Lehman Brothers könnte eine Kette von Zahlungsausfällen nach sich ziehen, die die weltweit verwobenen Märkte erschüttern und die Finanzbranche im schlimmsten Fall in eine Abwärtsspirale drücken könnte." (14.9.08) Dabei wurde auch früh konkret auf andere Problemfälle hingewiesen: "Angesichts immer neuer Krisenherde warnen Beobachter vor einem Flächenbrand: Beim Versicherer AIG soll zu den Notoperationen laut «Wall Street Journal» auch der Verkauf der Flugzeugleasing-Tochter ILFC gehören. Der zu den weltweiten Branchenführern zählende Konzern wolle am Montag auch eine dringend benötigte Kapitalspritze von über zehn Milliarden Dollar verkünden. (15.9.08) Ein interessantes Beispiel für das Vorgehen der Autoren: Eine auf S. 117 zitierte Zusammenfassung wird auf die beiden ersten Absätze reduziert. Acht weitere Absätze auf denen sämtliche relevanten Aussagen des Tages zum Thema dargestellt werden (was die Aufgabe einer Agentur ist), werden ausgeblendet, so beispielsweise der frühere US-Notenbank-Chef Alan Greenspan mit der Einschätzung: «Das übertrifft ohne Zweifel alles, was ich je gesehen habe - und es ist längst noch nicht überwunden.» Zudem unterschlägt die Studie bei dem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat die Kommentare unabhängiger Wissenschaftler: "«Die Banken in Deutschland und Europa werden zwar weitere Abschreibungen vornehmen müssen - da können sich ganz große Milliardenlöcher auftun», sagte der Professor an der TU Darmstadt, Dirk Schiereck in einem dpa-Gespräch. «Die Fusionen werden zunehmen.» Nach Ansicht des Professors an der Frankfurter School of Finance, Martin Faust, werden auch Europas Banken nicht ungeschoren davonkommen: «Wir werden in den kommenden Quartalen noch hohe Abschreibungen sehen.» Dass in dieser Phase die deutsche Politik, etwa vertreten durch Finanzminister Steinbrück, immer noch davor warnte, die Krise zu dramatisieren (16.9.08), muss eine Agentur selbstverständlich auch notieren, spielt aber im Gesamtkontext der damals angebotenen Berichterstattung eine sehr untergeordnete Rolle. Stattdessen wurde frühzeitig der Blick geweitet: "Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers löste auch am Finanzplatz London ein gewaltiges Beben aus." (Korr-Bericht vom 16.9..08) Schon lange vor der Lehman-Pleite thematisierte dpa im Zusammenhang mit dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns (17.3.08) eine "gefährliche neue Dimension" der Krise: "Eine düstere Einschätzung der Lage kam vom früheren amerikanischen Notenbankchefs Alan Greenspan. Die aktuelle Finanzkrise in den USA dürfte die schmerzhafteste seit dem Zweiten Weltkrieg werden, schrieb er in einem Gastbeitrag in der «Financial Times» (Montag). «Die Krise wird viele Opfer zurücklassen», sie werde erst enden, wenn sich die Immobilienpreise in den USA nach ihrem andauernden Fall stabilisieren. Bis dahin werde es noch Monate dauern. Die deutsche Wirtschaft gerät durch die Rekordjagd des Euro zunehmend unter Druck. (...)". Im September 2009 wurde in einem ausführlichen Themenpaket ein Jahr nach Lehman die Finanzkrise umfassend dargestellt: In Hintergründen ging es um "Neue Finanzregeln: Was wurde bisher getan ¬ woran wird gearbeitet", "Hauptursachen der Finanzmarktkrise", "Die Lehman-Pleite - was am 15. September 2008 passierte", eine Chronologie "Schlag auf Schlag: Der dramatische Herbst nach der Lehman-Pleite". In Korr-Berichten wurde zudem die Perspektive auf die geprellten Klein-Anleger ("Lehman-Pleite als «Weckruf» für Anlegerschutz"), die Kollateralschäden jenseits der Finanzzentren ("Wer rettet wen? - Arme Länder als Quelle für Wachstum") und die Rückkehr der Spekulation ("Das Casino hat auf Probe geöffnet - Viele Probleme bleiben") gerichtet. Bereits ein Jahr zuvor, ein Jahr nach IKB, wurde ein Themenpaket gesendet, in dem wiederum in einer Chronologie und in einem Korr-Bericht "Der «Tsunami» Finanzkrise: Verluste, Entlassungen und Bankenpleiten" beschrieben wurde. All dies (und mehr) hätte ebenfalls untersucht und dargestellt werden können - wenn es denn wirklich um eine fundierte Studie gegangen wäre." Pressekontakt: dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH Pressesprecher Justus Demmer Telefon: 040 / 4113 - 32510 demmer.justus[at]dpa.com

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