Capital, G+J Wirtschaftsmedien

"Es ist quasi ein Schichtdienst-Job": Piloten äußern sich gegenüber 'Capital' zu ihrem Arbeitsalltag

Berlin (ots) - 16. Juni 2015 - Fast drei Monate nach dem Absturz der Germanwings-Maschine und mitten in der laufenden Schlichtung zwischen Lufthansa und der Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) reden vier Flugzeugführer ungewöhnlich offen über die Arbeitsbelastung und Missstände in ihrem Berufsstand. Das Wirtschaftsmagazin 'Capital' (Ausgabe 7/2015, EVT 18. Juni) hat die Kapitäne und Co-Piloten unterschiedlicher Fluggesellschaften an einen Tisch gebracht und zu ihrem Arbeitsalltag befragt. "Ich glaube, der Stress steigt in der gesamten Branche. Das betrifft nicht nur einzelne Kollegen oder einzelne Gesellschaften", sagte Markus Wahl, Erster Offizier bei Lufthansa Cargo, in der Interview-Runde. Da Wahl auch Sprecher im VC-Vorstand ist, gehört es zu seinen Aufgaben, die Interessen seiner Kollegen nach außen zu vertreten. Ansonsten reden die meisten in der Öffentlichkeit eher nicht von ihren Erfahrungen - auch aus Angst vor Repressalien durch ihren Arbeitgeber. Stress, Krankheit und Arbeitsunfähigkeit sind eigentlich Tabus. Denn Vertrauen in einwandfreie Technik und zuverlässige Flugzeugführer sind das wichtigste Gut jeder Airline.

In der 'Capital'-Runde berichtet der ehemalige Lufthansa-Cityline-Kapitän Andreas Tittelbach von Grenzsituationen, die er erlebt hat. "Ich habe auch schon erlebt, dass die ganze Crew total erschöpft war", sagt der 52-Jährige, der vor sechs Jahren für flugdienstuntauglich erklärt wurde und seither arbeitslos ist. Er berichtet über einen Tag, an dem er und sein Co-Pilot nach dem fünften Flug so übermüdet gewesen seien, dass ihnen im Landeanflug auf Frankfurt dauernd die Augen zugefallen seien. "Und wir haben bis zum Aufsetzen mit dem Schlaf gekämpft". Viele Piloten haben heute einen straffen Dienstplan. Berufseinsteiger Tobias Hinsch absolviert als Co-Pilot bei der Billigfluggesellschaft Germanwings zwei bis vier Flüge am Tag, an bis zu fünf Tagen in der Woche. "Das ist quasi ein Schichtdienst-Job", so der 29-Jährige.

Er und seine Kollegen haben sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 am 24. März in den französischen Alpen auseinandergesetzt. Das Unglück sei in der Firma noch präsent. "Wir sprechen auch oft darüber", so Hinsch. Nach den bisherigen Ermittlungen war der Co-Pilot des Fluges schwer depressiv und ließ den Airbus mit 150 Menschen an Bord vorsätzlich am Berg zerschellen. Am Umgang miteinander habe dieses Ermittlungsergebnis nichts geändert. "Ich vertraue jedem Kollegen, mit dem ich in schwersten Situationen zusammenarbeiten muss, um das Flugzeug unter Kontrolle zu halten - egal wie gut ich ihn kenne", so Hinsch.

Pressekontakt:

Jenny von Zepelin, Redaktion 'Capital'
Tel. 030/220 74-5114, E-Mail: zepelin.jenny@capital.de
www.capital.de

Original-Content von: Capital, G+J Wirtschaftsmedien, übermittelt durch news aktuell

Weitere Meldungen: Capital, G+J Wirtschaftsmedien

Das könnte Sie auch interessieren: