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Ostthüringer Zeitung: Wolfgang Schütze kommentiert: Zu hoch gestecktes Ziel

Gera (ots) - Wir Deutschen rennen und springen - doch ach, wir hüpfen immer unter der Latte hindurch. Die heißt "Deutsche Einheit" und hängt hoch. Sehr hoch. Warum nur haben wir uns nicht mit der Wiedervereinigung beschieden - diesem Wunder, von dem nur noch wenige geglaubt hatten, dass sie es je erleben würden. Die Wiedervereinigung ist Realität geworden, mit allen Stärken und Schwächen, Siegen und Fehlern. Die deutsche Einheit wird es wohl nie, sagt jetzt ein Forschungsinstitut. Und es liegt an uns selbst und an der unzureichenden Fähigkeit, sich vernünftige Ziele zu setzen. Wir sind durchaus in der Lage, nach den Sternen zu greifen; etwa Fußball-Weltmeister zu werden. Oder mindestens Export-Europameister. Aber das sind klare, abrechenbare Ziele. Unter "deutscher Einheit" indes versteht jeder etwas anderes. Muss es den Erfurtern so gut gehen wie den Münchnern? Darf es Gera so schlecht gehen wie Oberhausen? Schon an diesen Fragen werden die unzulässigen Verallgemeinerungen in den Debatten deutlich. Ab und an hört man auch im Osten Deutschlands, dass sich Ostfriesen und Schwaben gegenseitig mit Vorurteilen, Neid und Missgunst überziehen. Buchen die beiden Völkerstämme das unter Scherz ab? Oder soll man aus den beständigen Frotzeleien schließen, dass dort (auch) keine "deutsche Einheit" herrscht, und zwar länger als seit 25 Jahren? Wo sind die erschütternden Studien, die darlegen, dass x-Jahre nach dem Krieg tief im Westen soziale Ungleichheit herrscht zwischen Menschen, die auf dem flachen Land leben und jenen in Millionenstädten? Und dass es selbst innerhalb dieser großen Blöcke große Unterschiede gibt. Zu hoch gesteckte Ziele sind von Übel; sie erzeugen nur Frust. Zum Beispiel gleicher Lohn überall setzt gleiche Produktivität voraus. Alles andere ist Wunschdenken oder linke Propaganda. Deutschlands staatliche Einheit, das ist der Rahmen für die Vielfalt. Er sichert seit 25 Jahren die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Nicht zu verwechseln mit Gleichmacherei.

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