NETZ Bangladesch

Lisa Karlström und Andy Gätjen in Bangladesch
Ein Theaterprojekt für die Rechte der Frauen im Islam

Zur Reportage "Ein Theaterprojekt für die Rechte der Frauen im Islam". Mukti träumt von ihrer Zukunft - während im Hintergrund ein Säure-Attentat auf sie vorbereitet wird. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Abdruck... mehr

Dhaka/Wetzlar (ots) - Von Claudia Leipner

"Die Begegnung mit einer Frau, deren eine Gesichtshälfte von Säure verätzt war, hat mich schockiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Unterdrückung von Frauen solche Formen annehmen kann", sagt Lisa Karlström. Sie und ihr Schauspielkollege Andy Gätjen aus der ZDF-Reihe "Der Kommissar und das Meer" haben in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka einen Theaterworkshop geleitet. Eingeladen hat sie das dortige Goethe-Institut und die Entwicklungsorganisation NETZ Bangladesch. Herausgekommen ist ein Theaterstück, das eine intensive Diskussion über Menschenrechte ausgelöst hat.

Die beiden Hamburger sind es gewohnt im Rampenlicht zu stehen. Doch hier in Bangladesch macht es ihnen zu schaffen, dass sie stets von Menschen umlagert sind. Während Andy Gätjen dies als freundliches Interesse empfindet, versucht Lisa Karlström sich in traditioneller Kleidung vor den neugierigen Blicken zu schützen. Am fünften Tag nach ihrer Ankunft geht es raus aus Dhaka, um ein Theaterstück von Menschenrechtsaktivisten in Sirajganj anzusehen. Die 120.000 Einwohner zählende Stadt liegt malerisch am Ufer des Brahmaputra-Stromes. Auf die Beine gestellt wird die Aufführung von Ain-o-Shalish-Kendro: die angesehene Menschenrechtsorganisation mobilisiert landesweit Theatergruppen an Schulen, in Dörfern und in Städten. Mit ihren Stücken, die schauspielende Schüler, Dorfpoeten und Rikscha-Fahrer selbst entwerfen, wollen sie über grundlegende Menschenrechte aufklären. Finanziert wird das Projekt vom Bangladesch-Hilfswerk NETZ, das seinen Sitz im hessischen Wetzlar hat.

Die Gäste aus Deutschland treffen nach vierstündiger Fahrt so spät ein, dass die weiblichen Mitglieder der ehrenamtlichen Theatertruppe schon zu Hause sind. Auf dem kleinen Sandplatz, der die Bühne bildet, stehen junge Männer. Es ist 22 Uhr. Mousumi, eine achtzehnjährige Theateraktivistin, hat jedoch ausgeharrt. Sie berichtet, dass viele Eltern ihre Töchter abends nicht aus dem Haus lassen, aus Angst, sie würden von Männern belästigt oder bei verschmähter Liebe gar mit Säure übergossen.

Dicht gedrängt folgt das Publikum dem Schauspiel, das mit heroischen Gesten aufgeführt wird. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen den Mächtigen und jenen, die ihrer Rechte beraubt sind. Meist sind es die Frauen. Häusliche Gewalt, Mitgift-Forderungen und Kinder-Ehen sind häufig, berichtet Mousumi. Das ist nicht nur hier so: Die Menschenrechtsberichte von Ain-o-Shalish-Kendro zählen landesweit jährlich 150 Fälle von Säure-Attentaten. Und immer wieder kommt es nach einer Vergewaltigung vor, dass die misshandelte Frau von muslimischen Geistlichen noch zu Peitschenhieben verurteilt wird. Das Ende des Theaterstücks bleibt offen - und im Nu sind Publikum und Schauspieler auf dem Sandplatz in eine lebhafte Diskussion verwickelt. Aktionstheater nennt sich diese Form der Aufklärung.

Zurück in der 10-Millionen-Stadt Dhaka, nach einer Fahrt entlang ausgedehnten Wasserflächen und Reisfeldern, startet der fünftägige Theaterworkshop. Nur drei weibliche aber dreizehn männliche Schauspieler zählt die Gruppe. Menschenrechtler von Ain-o-Shalish-Kendro sind genauso dabei wie Theateraktivisten aus den Dörfern. Schauspiel ist in Bangladesch zwar beliebt und traditionsreich, jedoch immer noch keine ehrbare Tätigkeit für erwachsene Frauen, jedenfalls nicht in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung. Auch gegen diese Vorstellung zielt der mit Mitteln des Auswärtigen Amtes geförderte Theater-Workshop. Vor allem jedoch leistet er einen Beitrag zum interreligiösen und kulturellen Dialog in dem zu 90 Prozent muslimisch geprägten Land.

Die gemeinsame Suche nach der Story, die am Ende des Workshops auf die Bühne gebracht werden soll, gestaltet sich schwierig: "Wir haben bisher nur Geschichten von Frauen gesammelt, die passiv sind und etwas erleiden", macht Andy Gätjen in der Diskussion klar. Dann erzählt Lisa Karlström die Lebensgeschichte der Frau, die sie wenige Tage zuvor getroffen haben, in einem Haus für Überlebende von Säure-Attentaten. Ihre Gesichtszüge sind entsetzlich entstellt, die Haut ist zerstört und doch hat sie mit enormem Lebenswillen den Schulabschluss geschafft und eine eigene Familie gegründet. Die Workshop-Teilnehmer stimmen mit ihnen überein, dass dies die Geschichten sind, die erzählt werden müssen. Sonja, eine Mitarbeiterin von Ain-o-Shalish-Kendro, betont jedoch: "es soll kein Theaterstück werden, bei dem die Frauen die Guten sind und die Männer die Bösen". Es sei auch wichtig zu erfahren, was einen jungen Mann in einer islamischen Gesellschaft zu solch einer Straftat treibe.

Bis zur Generalprobe bleiben nur zwei Tage. Trotz Zeitdruck und Schlafmangel gestalten die beiden deutschen Schauspieler ein abwechslungsreiches Trainingsprogramm. Morgens startet Karlström mit Yogaübungen, "es hilft ihnen, sich später besser zu konzentrieren, weil sie ihre Anspannung loswerden und den Kopf frei bekommen." Ihr und Gätjen geht es in den Proben um die Wahrhaftigkeit und Einfachheit der Bilder. Intensiv wird an den Ausdrucksformen gefeilt. In einer Improvisationsübung soll mit nur einem Wort, unterschiedlich betont, ein Dialog entstehen. Dass Schauspieler aus Bangladesch und Deutschland sehr unterschiedlichen Theatertraditionen verbunden sind, zeigt sich deutlich am Abend vor der Generalprobe: Zum Schrecken von Karlström und Gätjen bauen die Bengalen das Stück kurzerhand noch einmal vollständig um. Die Schlussszene habe nicht eindeutig zur Diskussion aufgerufen, so Motahar Akand, der das Konzept des Aktionstheaters für Bangladesch entwickelt hat. Theater solle auch zu konkretem Handeln anregen. Bis spät in die Nacht wird die Neufassung des Stücks erarbeitet, in dem eine junge Frau mit Namen "Mukti" (deutsch: Freiheit) mit Säure übergossen wird, weil sie die Liebe eines Mannes nicht erwidert. Jetzt steht weniger die sozialpsychologische Begründung des Verbrechens im Mittelpunkt, sondern eine rechtliche Frage: Wie soll über den Täter geurteilt werden?

Nach zwei Aufführungen im Goethe-Institut - eine wurde wegen Stromausfalls bei Kerzenschein gezeigt - haben sich die beiden Deutschen mit der neuen Fassung abgefunden: "Es ist nicht unsere Inszenierung. Doch wir haben an einem wichtigen Prozess mitgewirkt: das Theater für Menschenrechte weiter zu entwickeln. Das Stück, das jetzt am Ende herauskam, ist die Produktion der bengalischen Schauspieler, es gehört ihnen selbst. Das ist das Entscheidende", so Gätjen. Die Workshop-Teilnehmer jedenfalls sind begeistert: "Wir konnten unsere Darstellung auf der Bühne sehr verbessern", sagt Siddique, Student und Mitglied der Theatergruppe aus dem Norden des Landes.

Dass die im Schauspiel gestellte Frage in Bangladesch tatsächlich gestellt werden muss, zeigen die Diskussionen nach der Vorstellung. Einige Zuschauer plädieren für eine Freilassung des Täters, weil er Reue gezeigt habe. Eine junge Frau aus dem Publikum steht auf, ihr Gesicht ist an jenen Stellen dunkler und verhärtet, an denen sie mit Säure verätzt wurde. Auf einem Auge ist sie blind. Sie wendet sich vehement dagegen. Auch die Menschenrechtler von Ain-o-Shalish-Kendro unterstreichen, dass Säure-Attentate und andere Gewaltverbrechen nicht verhandelbar sind und daher vor Gericht gehören.

Damit die Geschichte von Mukti erzählt wird und die Rechte der Frauen bekannt werden, wollen die Theateraktivisten das Stück auf den Sandplätzen in ihren Heimatorten aufführen. Auch die beiden Hamburger haben viel gelernt, über das Leben in Bangladesch, die Arbeit der Menschenrechtsaktivisten und das Aktionstheater. Lisa Karlström: "Die Schauspieler hier sind so kreativ und suchen ständig nach neuen Wegen, mit einfachsten Mittel elementar Wichtiges auszudrücken." Und Andy Gätjen fügt an: "Zuvor wussten wir über Bangladesch, dass viele Menschen Opfer von Armut und Überschwemmungen sind. Doch es ist enorm ermutigend zu sehen, welche Tatkraft die Menschen hier haben, um in Würde leben zu können."

Bild 1

Zwei Kulturen, ein Theaterprojekt: Lisa Karlström und Andy Gätjen auf der Bühne des Goethe-Instituts in Dhaka.

Bild 2

Mukti träumt von ihrer Zukunft - während im Hintergrund ein Säure-Attentat auf sie vorbereitet wird.

Fotos: Zahidul Karim Salim / NETZ Bangladesch

Pressekontakt:

Peter Dietzel
dietzel@bangladesch.org

NETZ Bangladesch
Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit e.V.
Moritz-Hensoldt-Str. 20
35576 Wetzlar
Tel: 06441 - 26585
www.bangladesch.org

Original-Content von: NETZ Bangladesch, übermittelt durch news aktuell
Medieninhalte
2 Dateien

Weitere Meldungen: NETZ Bangladesch

Das könnte Sie auch interessieren: